Zurück zu mir!, Predigt vom 20.02.2000
Liebe Gemeinde! Wir kennen das Märchen vom Rumpelstilzchen. Ein kleiner Mann tanzt
nachts im Wald um ein Feuer herum. Er ist ganz allein und singt: "Ach wie gut, daß
niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß'!" Rumpelstilzchen ist ja auch wirklich
kein attraktiver Name. So wie Claus Gunther Nakszynski. Da klingt Klaus Kinski schon
besser. Unter diesem Künstlernamen wurde er weltberühmt. Oder Camille Javal klingt auch
nicht so toll. Brigitte Bardot, ihr Pseudonym, geht einem da schon flüssiger über die
Lippen. Die beiden Schauspieler waren sicher heilfroh, daß kaum jemand ihren eigentlichen
Namen kannte. So wie Rumpelstilzchen. Dieses Männchen freut sich also darüber, daß
niemand seinen Namen kennt, daß keiner weiß, wer er wirklich ist.
Auch wir sind manchmal heilfroh, wenn keiner unsere eigentlichen Motive, unsere tiefsten
Wünsche, Sehnsüchte, Träume und Begierden kennt. Ach wie gut, daß niemand weiß, wer
wir wirklich sind! Es wäre ja wirklich zu peinlich, wenn unsere innersten Gedanken jeder
sehen könnte! Das Schlimmste für uns ist ja, vor anderen bloßgestellt zu werden.
Deshalb setzen wir auch unsre Masken auf. Sie sehen ganz verschieden aus, je nach unseren
Interessen und unserer Situation. Welche Maske tragen wir, trägst du? Jetzt im Fasching
spielen Masken eine wichtige Rolle. Dahinter versteckt man oft das Böse, Schmutzige und
Häßliche in seinem Herzen. Und hinter der Faschingsmaske versteckt lebt man es aus:
Saufen, sich unanständig geben, sich an Mädchen und Frauen heranmachen.
Da gibt es auch die Maske der Fröhlichkeit. Immer gut drauf sein, immer fröhlich, immer
heiter, immer einen Witz parat! Manchmal durchschauen wir so eine Maske. Da merken wir,
daß ein Dauerlächeln nur ein eingefrorenes Grinsen ist und daß einer trotz seiner
Späße unglücklich ist. Ein Pfarrer hat einmal so einen Menschen getroffen. Er war mit
jungen Leuten zusammen, und da stellte man ihm, wie man ihm sagte, den Spaßmacher der
ganzen Klasse vor. Der Pfarrer sah sich den jungen Mann etwas näher an, dann sagte er:
"Und wenn Sie alleine sind, dann sind Sie oft traurig." "Woher wissen Sie
das?" war die verblüffte Antwort. Der Pfarrer sah eben hinter die Maske, und
dahinter steckte kein fröhlicher, lebenslustiger Mensch, sondern ein tottrauriger und
einsamer.
Andere wirken cool und überlegen, oder sogar überheblich und angeberisch. Aber dahinter
versteckt sich meist eine große Unsicherheit. Wer so cool tut, ist in der Regel sehr
verletzlich. Und wer angibt, fühlt sich als im Leben zu kurz gekommen. Sonst hätte er
seine lautstarken Sprüche gar nicht nötig. Da wirkt vielleicht einer, als ob ihm gar
nichts ausmacht. Aber in Wirklichkeit denkt er: "Die anderen gehen mit Axel ins Kino,
und ich gehe mit Akne zum Hautarzt." Dann gibt es auch die brave Maske. Dahinter
steckt oft wie beim Angeber das Streben nach Anerkennung. Man will als braver Schüler,
braver Ehemann, als brave Ehefrau oder als braver Arbeitnehmer Eindruck machen, durch
Unauffälligkeit auffallen. Der allzu Angepaßte ist zumeist auch gut verborgen sehr
hochmütig. Die gefährlichste Maske ist die fromme Maske. Sie gefällt Gott am wenigsten.
Jesus spricht einmal von Menschen, die sich anmaßten, fromm zu sein. D. h. sie waren es
gar nicht, hielten sich aber dafür. Er meinte damit die Pharisäer. Jesus hat ihre fromme
Maske durchschaut. Er erzählt einmal von einem Pharisäer, der zum Beten in den Tempel
ging. Im Gebet hat er vor Gott eine imponierende Bilanz vorzuweisen. Was er aufzählte,
war nicht übertrieben. Er betete, fastete, spendete 10 Prozent seines Einkommens. Aber
seine Frömmigkeit war nur Maske, die etwas anderes verbarg. Es wurde Frömmigkeit
geschauspielert. Sie war gar nicht echt. Der Pharisäer spielte eine Rolle. Vielleicht
merkte er es gar nicht mehr. Bewußte wird zur unbewußten Verstellung. Die Maske wird
für das wahre Gesicht gehalten. Es lügen nicht nur die Lippen. Es lügt der ganze
Mensch.
Die Maske der Frömmigkeit verbirgt das Geltungsstreben, das Großdastehenwollen. Es geht
gar nicht um Gott und um den Mitmenschen, sondern nur um einen selbst. Theologieprofessor
Thielicke erzählt einmal von einer Krankenschwester. Sie pflegte ihn ausgezeichnet. Eine
bewundernswerte Frau, so dachte er. Doch seine Bewunderung verflog mit einem Schlage, als
sie ihm einmal erklärte: "Ich übernehme seit 20 Jahren nur Nachtschichten. Denn
jede durchwachte Nacht ergibt einen Edelstein in meiner himmlischen Krone. Und jetzt habe
ich schon 7155 beieinander." Der Kranke konnte ihr ihre Liebe nicht mehr abnehmen. Er
war für sie ja nur Mittel zum Zweck. Wenn man hinter eine Maske schaut, wird es peinlich.
Wenn man sich selber verrät oder einem die Maske vom Gesicht gerissen wird. Dann kommt
zum Vorschein, was man verbergen wollte, z. B. seine Habgier, seinen Egoismus, seine
Triebhaftigkeit, seine Unsicherheit. Man sieht mich, wie ich wirklich bin. Und dann würde
man am liebsten je nach Temperament wütend werden oder in den Erdboden versinken. Denn
ohne Maske ist man ja entlarvt, wie nackt.
Ein Schriftsteller erzählt einmal die Geschichte von einem schlaflosen Mann, der sich
einen Spaß daraus macht, andere Leute nachts anzurufen, um ihnen Angst einzujagen. Er
wählt die Nummer eines wildfremden Mannes und sagt durchs Telefon: "Hören Sie mir
gut zu. Es ist alles entdeckt. Alles, verstehen Sie? Ich möchte Ihnen raten: Fliehen Sie,
solange Ihnen noch Zeit bleibt." Nach einer halben Stunde kommt ein Taxi, das Opfer
des Anrufs fährt mit zwei Koffern davon. Der Schlaflose wiederholt dieses Spiel noch
einige Male mit dem gleichen Erfolg. Jeder hatte etwas zu verbergen. Sie fühlten sich
durchschaut und sahen für sich nur eine Chance. Die Flucht. Was haben wir zu verbergen?
Und wie reagieren wir, wenn wir uns durchschaut fühlen, wenn auf einmal das Gewissen
aufwacht, wenn uns unsere ganze Erbärmlichkeit vor Augen steht? Wir können die Flucht
ergreifen, die Schuld verharmlosen, nach Entschuldigungen suchen. Vor sich selber und den
anderen kann man vielleicht fliehen, vor Gott aber nicht. Bei Gott gilt: Masken ab! Gib
dich vor ihm so, wie du bist. Auf die Dauer ist es ja ungeheuer anstrengend, sich so zu
geben, wie man nicht ist. Menschen gegenüber können wir wirklich nicht immer offen sein.
Wir müssen uns deshalb nicht verstellen, aber wir müssen auch nicht alles sagen, was wir
denken. Das könnte manchmal höchst unklug sein. Wir sollen vielmehr nach dem Motto
handeln: Du muß nicht alles sagen, was du weißt, aber was du sagst, das soll wahr sein.
Gott gegenüber brauchen wir allerdings nicht vorsichtig sein. Er nutzt ja sein Wissen
über uns nicht aus, um irgendwie Druck auszuüben. Er will uns vielmehr freimachen. Vor
ihm können wir unsere Masken ablegen. Vor ihm können wir ganz ehrlich werden. Hören wir
doch einmal ganz unvoreingenommen auf das, was uns Paulus im Römerbrief sagt: "Es
gibt keinen, auch nicht einen einzigen, der ohne Sünde ist. Es gibt keinen, der
einsichtig ist und nach Gottes Willen fragt. Alle haben sich von ihm abgewandt und sind
dadurch für Gott unbrauchbar geworden. Da ist wirklich keiner, der Gutes tut, kein
einziger." Wenn wir uns auf diese Worte einlassen, dann merken wir, daß sie die
Wahrheit aussprechen. Und dann erkennen wir auch, daß bei uns etwas nicht in Ordnung ist.
Wir sind zutiefst erschrocken - nicht über die anderen sondern über uns selbst. Denn wir
haben gemerkt, daß hinter unserer Maske ein selbstsüchtiger aber auch ein nach Liebe
hungernder Mensch steckt. Wenn wir so ehrlich geworden sind, halten wir uns nicht für
besser sondern eher für schlechter wie die anderen. "Ich bin der Schlimmste!"
so drückte sich einmal der Apostel Paulus aus. Und der muß für sich akzeptieren, daß
er so, wie er ist, nicht zu Gott paßt und auch nicht in sein Reich.
Und wenn die Masken gefallen sind, - wie geht es dann weiter? Denn mit der Erkenntnis, ein
Egoist zu sein, kann man doch nicht leben! Es hält doch keiner aus, sich andauernd ohne
Maske begegnen zu müssen. Es muß doch etwas anders werden! Und es ist schon etwas anders
geworden. In diese lieblose Welt ist die große Liebe Gottes gekommen, in alle Falschheit
und Unechtheit ein ganz Echter, Ehrlicher. Gott ist in Jesus Mensch geworden. Gott hat
nicht bloß eine Menschenmaske angelegt. Er ist nicht nur für 30 Jahre in die Rolle eines
Menschen geschlüpft. Nein, in Jesus hat Gott sein wahres Gesicht gezeigt und gleichzeitig
das Gesicht des wahren Menschen. Jesus war der einzige Mensch, der sich so gab, wie er
wirklich war, ohne Maske, und zwar, ohne sich schämen zu müssen. Er machte den Menschen
nichts vor. Er sagte ihnen ganz deutlich, wie es um sie stand. Aus ihm sprach eine
unbestechliche Wahrheit, die jede Heuchelei durchschaute. Aber es kam einem auch eine
unbeirrbare Liebe entgegen, die keinen Menschen, und wenn er noch so unmöglich war,
aufgab. Gott meint es mit jedem von uns ehrlich, der sich selbst gegenüber auch ehrlich
geworden ist. Er will ihm seine Liebe und Vergebung schenken, erfahrbar und spürbar. Wir
bekommen sie, wenn wir uns danach sehnen.
Je ehrlicher wir geworden sind und erkennen, daß wir anders werden müssen, desto lieber
hat uns Gott, desto mehr kann er uns mit seiner Vergebung beschenken. Wer sich ganz
schuldig gibt, bekommt die ganze Vergebung. Jeder darf sich diese unverdiente Liebe Gottes
nehmen. Die Bibel nennt diesen Vorgang Glauben. Wer dies tut, steht am Wendepunkt zu einem
neuen Leben. Friede kommt in sein Herz und eine große Geborgenheit. Er kann nun aufatmen,
daß er nun endlich aufhören kann, eine Rolle zu spielen. Denn bei Jesus ist er auch
wertvoll ohne Maske. Er akzeptiert ihn, weil er da ist, nicht weil er etwas Bestimmtes
ist. Jesus vergibt auch jetzt alle Schuld, auch die unerkannteste, verborgenste und
schlimmste. Er schenkt dem Glaubenden dafür ein neues, ewiges Leben. Jesus will nur unser
Vertrauen. Etwas anderes verlangt er nicht. Wir dürfen in allen Nöten und Sorgen zu ihm
kommen und ihm in allen Dingen vertrauen. Durch den Glauben an Jesus kann ich ohne Maske
leben. Denn der Sohn Gottes schenkt mir gewissermaßen ein neues Gesicht. Seine Liebe
vergibt mir und verändert mich auch im Laufe meines Lebens. Sicher kann niemand aus
seiner Haut fahren. Aber Gott kann uns zu neuen Menschen umgestalten. Wir können es ihm
zutrauen. Denn Christen glauben an einen Gott, der Wunder tut. Daß Gott diese Welt
geschaffen hat, war ein Wunder seiner schöpferischen Kraft. Jeder Grashalm, der wächst,
ist ein Wunder neuen Lebens. So kann Gott ganz gewiß auch neues Leben bei dir und mir
schaffen.
Durch die Jahrhunderte hindurch hat der Geist Jesu Christi Menschen bewegt und verändert.
Sie mußten sich nicht mehr verstellen, um lieb zu wirken. Sie waren es. Es war die Liebe
Jesu, die ihr Wesen bestimmte. Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung, steht das
Wort Jesu: "Siehe, ich mache alles neu!" Alles neu, das heißt auch dich und
mich, uns alle eben! Keiner ist von der Erneuerungskraft Jesu ausgeschlossen. Vielleicht
denken wir von uns: Das ist unmöglich! Es steckt soviel Böses in mir, soviel
Unvollkommenes. Wie soll das jemals anders werden? Es ist nicht unsere Sache, darüber
nachzudenken, wie Jesus uns verändert. Es ist vielmehr unsre Aufgabe zu vertrauen. Je
mehr wir dies tun, je mehr wir glauben: "Er liebt mich und er verändert mich.",
desto mehr wird er es tun. Wo jemand unter sich und seiner Art leidet, da darf er es Jesus
sagen. Er hilft ihm. Er befreit ihm von allem, was nicht echt ist und was nicht recht ist.
Wir brauchen es ihm nur zuzutrauen. Jesus alles zutrauen, das heißt Glaube. Dieser Glaube
bringt uns schließlich zu Gott in sein Reich. Denn der Glaubende klammert sich an Jesus
fest. Und der hat versprochen, keinen, der ihm sein Vertrauen geschenkt hat, loszulassen.
Amen