Bayreuth, den 9.7.2000 Lukas 15,1-10
Liebe Gemeinde!
Wir erfahren in diesen zwei unscheinbaren Geschichten ganz aufregende Dinge. In diesen
beiden Gleichnissen erzählt Jesus etwas über das Verhältnis zwischen Mensch und Gott.
Dabei erfahren wir etwas ganz Überraschendes. Dieses Verhältnis wird ganz anders
geschildert, als wir es uns oft vorstellen. Wenn Menschen heute überhaupt noch über Gott
nachdenken, dann oft unter der Fragestellung: Wo ist Gott zu finden? Der gottlose
Philosoph Nietzsche erzählt einmal von einem Mann, der mit einer Laterne durch die
Straßen einer Stadt geht. Auf die Frage hin, wen er suche, antwortet er: "Ich suche
Gott. Aber ich finde ihn nicht. Gott ist tot." Das ist also das Problem des modernen
Menschen, daß er Gott sucht und ihn oft nicht findet. Ist es vielleicht noch unser
Problem? Jesus sagt hier: Gott hat auch ein Problem. Er ist auf der Suche nach Menschen.
Und die Menschen sind auf der Flucht vor ihm. "Ich suche Menschen," das sagte ja
auch Sokrates, als er mit einer Lampe durch Athen ging. Und wie sucht nun Gott die
Menschen? Ist er unterwegs als Rächer, um den Menschen ihr Sünde und Schuld
heimzuzahlen? Nein, ganz im Gegenteil!
Dazu möchte ich eine Geschichte erzählen, die sich irgendwo in Kurdistan ereignet haben
soll. Dort herrschte die schreckliche Sitte der Blutrache. Da geschah es nun einmal, daß
ein Mann den anderen im Streit erschlug. Sofort machte sich der Mörder auf die Flucht.
Und der Sohn des Erschlagenen hetzte hinter ihm her. Nach langen Wochen war es soweit. Der
Verfolger holte den Mörder ein. Dieser rechnete nun mit seinem sofortigen Tod. Aber er
durfte von seinem Verfolger wunderbare Worte hören. "Ich bin ein Christ", so
sagte er. "Und als Christ weiß ich um die Vergebung. Ich laufe diese langen Wochen
hinter dir her, um dir zu sagen: "Ich habe dir vergeben. Komm nach Hause! Lebe in
Frieden!" So handelt auch Gott. Er läuft uns nach. Er sucht uns, um uns zu sagen,
daß uns vergeben ist und wir unsere Flucht vor ihm aufgeben sollen. Gott sucht, so sagt
Jesus, wie ein orientalischer Hirte. Bei diesen verwegenen Burschen war es eine
Ehrenpflicht, ein verlaufenes Tier wiederzubekommen. Und wenn sie es wieder gefunden
hatten, erzählten sie sich von der Schlauheit, Anstrengung und Gefahr ihrer Suche. So
sucht Gott. Wie ein Beduine. Gott sucht auch wie eine Rentnerin. Sie hat mickrige 500 Mark
monatlich. Sie verliert 50. Für sie ist das ein ansehnlicher Betrag. Und nun sucht sie.
Sie kehrt das Unterste zu oben. Sie hebt sogar den Teppich hoch und verrückt die Möbel.
Bis sie die 50 Mark gefunden hat. Am nächsten Tag erzählt sie ihren Nachbarinnen, was
sie erlebt hat. So sucht Gott, wie eine Rentnerin.
Sicher, viel Menschen merken von dieser Suchaktion Gottes nichts. Sie sagen vielmehr wie
eine meiner Schülerinnen aus der 9. Klasse: "Gott hat für mich noch nichts getan.
Deshalb glaube ich nicht an ihn." Aber er sucht uns. Vielleicht durch eine Krankheit
oder durch einen Unfall, oder auch dadurch, daß er es uns so unverschämt gut gehen
läßt. Und vor allen Dingen sucht er uns durch sein Wort, auch durch das Wort, das wir
jetzt hören. Es ist das Wort einer unverdienten Liebe, das uns zuruft: "Es ist dir
alles vergeben, was zwischen mir und dir steht. Komm doch und führe ein Leben mit
mir!" Gott sucht nach Verlorenen. Was heißt das überhaupt: Verloren? Wir Menschen
haben auch unsere Verlorenen, die wir abgeschrieben und abgeschoben haben. Am liebsten
würden wir mit ihnen nichts zu tun haben. Dies sind die Asozialen unserer Gesellschaft,
die Verbrecher, aber vielleicht auch pflegebedürftige, alte und schrullige Menschen. Kaum
jemand kümmert sich um sie. Mir hat schon einmal ein alter, einsamer Mensch gesagt:
"Herr Pfarrer, Sie sind der erste Mensch, mit dem ich heute rede." Und Gott hat
auch seine Verlorenen. Es sind die Menschen, die sich von ihm abgewendet haben, die
vielleicht sagen: "Ich glaub' auch an Gott!", aber von dem, was er ihnen zu
sagen hat, nichts wissen wollen. Die Verlorenen sind die Menschen, deren Leben sich nur um
sich selber dreht, um ihre harmlosen oder weniger harmlosen Vergnügungen, um ihre Arbeit
und ihre Familie. Ab und zu stattet man schon dem lieben Gott einen Besuch ab, vielleicht
sogar jeden Sonntag im Gottesdienst, aber Folgen für den Alltag hat das nicht. Es bleibt
alles beim Alten. Er lebt ohne Gott, stirbt, wenn sich im Laufe des Lebens nichts ändert
auch ohne Gott und verbringt auch die Ewigkeit ohne Gott - aus eigener Schuld. Verloren,
das ist bei Gott von Natur aus jeder Mensch. Deshalb sucht Gott ja leidenschaftlich - nach
uns.
Und wie stehen wir nun zu der Suchaktion Gottes, die die Verlorenen betrifft? Wir können
ihr gleichgültig gegenüberstehen, weil wir das nicht ganz ernst nehmen, daß Gott einmal
ernst machen kann. Wir meinen, wir könnten uns schon irgendwie durch die Himmelstür
durchschmuggeln. Gott wird's schon nicht so genau nehmen! Auf ewig verloren, das kann man
sich doch gar nicht vorstellen! Aber das ist ein gewaltiger Irrtum. Gott nimmt es sehr
genau. Er ist heilig, d.h. unbestechlich. Er wird uns einmal nach unseren Taten, Worten
und Gedanken richten. Oder wir können auch denken wie die Frommen, denen Jesus diese
Gleichnis erzählt hat: Ich bin kein Verlorener, kein Sünder. Ich habe mir nichts
vorzuwerfen. Freilich, Fehler haben wir alle, aber ich bin doch besser wie mancher andere.
Wer so denkt, lebt im Selbstbetrug. Er hat noch gar nicht erkannt, wer er ist, vor allen
Dingen wie stolz, eingebildet und hochmütig er ist und daß er auch Vergebung braucht.
Schließlich aber könnte man sagen: Ich gehöre zu den Geretteten. Ich glaube, daß Gott
mir vergeben hat. Aber es ist einem im Grunde genommen egal, was mit den anderen ist, die
noch verloren sind, Hauptsache, ich habe meinen Platz im Himmel sicher! Aber was ist mit
deinen Eltern, deinem Ehepartner, deinen Kindern, Nachbarn oder Freunden? Es kann dir doch
nicht gleichgültig sein, wo sie ihre Ewigkeit verbringen! Und wem es gleichgültig ist,
bei dem stimmt auch etwas nicht. Wir müssen uns fragen lassen: Wo ist unser Platz in
diesem Gleichnis? Sind wir vielleicht auch - verloren? Wir müssen diesen Gedanken an uns
heranlassen, so grausig er ist. Es geht weit über unser Denkenkönnen und Fühlenkönnen
hinaus. Jeder von uns liebt sich selbst und schätzt die eigene Art ungemein. Denken wir
an die Heiratsanzeigen, die wir von Zeit zu Zeit lesen. Ich möchte nichts gegen diese
Art, einen Partner zu suchen, sagen. Aber bei den Heiratsanzeigen kommt es heraus, was wir
von uns denken. Originaltext: "Bezaubernde Frau, gutaussehend sowieso, mit sonniger
Wesensart, liebenswert und ehrlich ..." Ja, so denken wir auch ohne Heiratsanzeige:
"Ich bin ein feiner Kerl, ein nettes Mädchen und bin ganz und gar von mir entzückt!
Verlorenheit ist ja nicht gerade ein theologischer Modebegriff. Mein
Textverarbeitungsprogramm kennt ihn übrigens überhaupt nicht. Es schlägt mir vor, ihn
durch Verlogenheit oder Verworrenheit zu ersetzen. Das mache ich aber nicht. Denn beim
Evangelium geht es um die Suchaktion Gottes für Verlorene. Evangelium ist doch die gute
Nachricht, daß Jesus Verlorene annimmt, wenn sie nur zu ihm kommen. Bei Johannes lesen
wir: "Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit
alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern daß ewige Leben haben." Bei
der Suchaktion Gottes geht es nicht nur um einen Zeitvertreib, um ein Hobby. Sondern es
geht um Lebensrettung. Ich glaube, das nehmen wir viel zu wenig ernst.
Auch wenn wir das mit der Rettung von der Verlorenheit vielleicht nicht so ganz ernst
nehmen, Gott nimmt es ernst mit seinem Suchen. Er macht das nicht zum Zeitvertreib. Er
macht das wie einer, der einem anderen das Leben retten will. Und was sollen wir tun, wenn
Gott sucht? Wir sollen uns finden lassen. - Vielleicht hat das Schaf einmal geblökt, -
und das hat dem Hirten gleich die Richtung gewiesen. Vielleicht hat der verlorene Groschen
einmal geglitzert, - und da schrie die Frau schon: "Da ist er!" Wir können mehr
tun als ein verlorenes Schaf oder ein verlorener Groschen. Wir können zu dem suchenden
Gott sagen: "Hier bin ich! Nimm mich!" Das heißt Buße tun. Buße heißt
Umkehr. Manche stellen sich Buße als etwas furchtbar Demütigendes und Entwürdigendes
vor, als eine entsetzliche Sache, wie eine bittere Medizin. Sie meinen, Buße tun, ist so
eine Art Gang nach Canossa. Dorthin mußte vor 900 Jahren der deutsche Kaiser Heinrich.
Der Papst hatte ihn aus der Kirche hinausgeworfen. Und nun mußte der Kaiser im
Büßergewand in der Januarkälte vor der Festung Canossa antreten, dort, wo der Papst
sich aufhielt. Erst nach drei Tagen ließ sich dieser herab, den wartenden und frierenden
Kaiser zu empfangen und ihn wieder in die Kirche aufzunehmen.
Aber Buße tun ist kein Gang nach Canossa. Sondern es ist ein nach Hause umkehren. Buße
will uns auf den schönsten Weg bringen: nach Hause.
Einer, der keine Buße tut, hat keine Heimat. So wie der eingangs erwähnte Nietzsche. Er
hat sein Lebensgefühl so formuliert: "Die Welt, ein Tor zu tausend Wüsten stumm und
kalt. Wer das verlor, was ich verlor, macht nirgends Halt. Nun steh ich bleich, zur Winter
- Wanderschaft verflucht, dem Rauche gleich, der stets nach kältern Himmeln sucht. Weh
dem, der keine Heimat hat!" Einer, der Buße tut, spricht ganz anders. Er spricht wie
der verlorene Sohn: "Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen." Einer,
der zu Gott umkehrt, der tut das nicht zähneknirschend, sondern er tut es, weil er
Sehnsucht hat nach seiner eigentlichen Heimat, die bei seinem Schöpfer ist. Einer, der zu
Gott umkehrt, dem hängt das alte Leben zum Halse heraus und möchte noch einmal neu
anfangen und ein unverbrauchtes, reines Leben führen.
Da wird das Herz nicht traurig und eng, sondern da kann es dir passieren, daß dein Herz
vor Freude fast zerspringt und in dein Leben eine große Freiheit hineinkommt. Buße tun
ist etwas Wunderbares und Großartiges, nichts Schreckliches und Kümmerliches. Gott lädt
uns bei sich zur großen Freude und nicht zur großen Traurigkeit ein. Einer, der Buße
getan hat, wird es nicht bereuen, weil er von Gott enttäuscht worden ist. Sondern er wird
eher sagen: "Wie dumm war ich, daß ich nicht schon eher zu Gott umgekehrt bin. Denn
jetzt hat mein Leben erst angefangen. Ich habe ja gar nicht gewußt, wie gut es mir bei
Jesus geht." Jeder kann zu Gott sprechen, auch jetzt, ohne daß es irgendeiner merkt
- außer Er, Gott natürlich: " "Hier bin ich. Nimm mich. Mein altes Leben ohne
dich tut mir leid, auch alles, was ich falsch gemacht habe. Ich kann dir auch in Zukunft
nichts versprechen. Mit mir machst du keinen guten Fang. Aber nimm mich trotzdem an als
dein Kind. Vergib mir alles. Und krieg' du mein Leben in den Griff. Verändere du es und
verleihe ihm Format."
Dann wird es sicher keinen Knall tun und du bist auf einmal ein perfekter Mensch. Es wird
nicht so sein, wie im Märchen vom Froschkönig, in dem ein Frosch sich in einem
Augenblick in einen Prinzen verwandelt. Aber dein Leben hat dann einen neuen Anfang getan.
Es ist der erste Schritt in die richtige Richtung gemacht. Schritt für Schritt wirst du
verändert, wird Gott dein Leben in den Griff bekommen. Wer zu Gott umkehrt, hat den
entscheidenden Schritt seines Lebens getan. Dieser Schritt wird von Gott mit höchster
Aufmerksamkeit verfolgt und man darf sich vorstellen, daß im Himmel dann Beifall
geklatscht wird. "So wird man sich auch im Himmel über einen verlorenen Sünder, der
zu Gott umkehrt, mehr freuen als über neunundneunzig andere, die es nicht nötig haben,
Buße zu tun." Und den Himmel setzt nicht so schnell etwas in Bewegung. Bei der
Menschwerdung Jesu zu Weihnachten, da freute sich der Himmel. Da hörten die Hirten auf
dem Feld einen himmlischen Freudengesang. Wenn Jesus wiederkommt, heißt es in der Bibel,
wird etwas Ähnliches geschehen. Und drittens, wenn ein Sünder Buße tut, freut sich der
Himmel.
Es ist etwas Großes, wenn ein Mensch zu Gott umkehrt. Freu' dich, daß du es tun darfst.
Und Gott freut sich mit!
Amen