Liebe Gemeinde!
"Mensch, bist du blind?" So fragen wir manchmal. Meist sagen wir es nicht in
einem sehr liebevollen Ton, sondern eher von oben herab, in dem Sinne von "Wie kann
man nur so blöd sein!" Denken wir nur an unser Anspiel!
Jesus richtet diese Frage "Mensch, bist du blind!" an uns alle. Nicht
lieblos, nicht von oben herab. Sondern voller Liebe, wie ein guter Freund, der uns auf
etwas aufmerksam machen will, um uns zu helfen.
Manchmal sind sogar die blind, die führen sollen, sagt Jesus Ich denke zum Beispiel an
das Dritte Reich. Viele in unserem Land haben damals einem blinden Führer vertraut, der
sie mitgerissen hat in den Untergang.
Sind sie nicht beide in die Grube gefallen? Und wie! Und wir?
Mir fällt auf, daß auch die Menschen von heute, selbst die jungen, nicht so kritisch
denken, wie man ihnen nachsagt:
Da kommt einer daher und schwingt große Worte oder singt ein paar flotte Töne oder
spielt auf einer Gitarre ein paar schräge Griffe, und schon sind alle begeistert. Und in
Wirklichkeit ist nicht mehr dahinter als eine große Schnauze oder eine große Show oder
ein paar Watt in der Verstärkeranlage.
Werden sie nicht beide in die Grube fallen? Wir lassen uns von Blinden führen. Und wir
sind selbst blind für die Menschen, mit denen wir zu tun haben. Was bekommen wir
eigentlich mit von unseren Klassenkameraden, Lehrern, Kollegen, Eltern, Kindern,
Geschwistern, Nachbarn? Da merkt einer überhaupt nicht, wie viele Sorgen sein Vater auf
der Arbeit hat. Stattdessen löchert er ihn, weil er mehr Taschengeld will. Und umgekehrt
sieht ein Vater nicht, wie problembeladen sein Sohn ist. Stattdessen macht er ihm nur
Vorwürfe, weil sein Verhalten zu wünschen übrig läßt. Vielleicht haben wir den
komischen Typ von nebenan nie gefragt, was mit ihm los ist, wenn er sich so merkwürdig
benimmt. Wir setzen gerne unsere Scheuklappen auf und wollen gar nicht sehen, was neben
uns vorgeht.
Ob da nun in der Schule oder auf der Arbeit einer den anderen fertigmacht: was geht es
mich an?
Und wir? Wo sind wir blind? Seien wir mal ehrlich: Übersehen wir so manches einfach, wo
es unser eigenes Verhalten betrifft? Wir machen uns lustig über die Fehler anderer,
denken: "Mann, ist der blöd! Ist die bescheuert!" Wir halten uns für besser
als andere, sehen oft haarklein die Schwächen anderer. Doch was unsere eigenen Fehler
anbelangt, sind wir blind. Wir merken nicht, daß wir oft genau das Gleiche tun, was wir
einem anderen vorwerfen.
Du gehst vielleicht fortgesetzt durch deine Art anderen auf die Nerven, durch deine
Faulheit, deinen Egoismus, deine Dickfelligkeit, deine Unfreundlichkeit und dein
abweisendes Wesen - und merkst es nicht einmal. Du fällst vielleicht aus allen Wolken
oder weist es empört von dir, wenn ein anderer dich auf diese Fehler aufmerksam macht.
Blind für sich selbst.
Solange wir nicht "in die Grube fallen", das heißt die Folgen unserer Blindheit
zu spüren bekommen, können wir uns ganz gut an diese Art von Blindheit gewöhnen.
Es gibt eine kleine Geschichte dazu. Sie stammt von dem englischen Autor H. G Wells.
Da erzählt Wells von einem Gebirgstal, wunderschön paradiesisch, aber total isoliert,
völlig von der Umwelt abgeschnitten.
In diesem Tal wohnen ein paar hundert Menschen.
Ihre Vorfahren sind ins Tal gekommen, als es noch besser zugänglich war. Sie haben sich
dort niedergelassen.
Nach einiger Zeit war eine Krankheit ausgebrochen, und alle wurden blind. Alle Kinder, die
seither geboren wurden, kamen blind zu Welt. Und jetzt gibt es seit Generationen nur noch
Blinde in diesem Tal.
Eines Tages stürzt ein Fremder, einer, der sehen kann, beim Bergsteigen ab. Er landet
unverletzt im "Tal der Blinden". Sie nehmen ihn bei sich auf. Er versucht nun,
ihnen klar zu machen, was "Sehen" ist. Aber er hat keinen Erfolg damit.
Die Blinden sprechen zwar die gleiche Sprache, aber das Wort "Sehen" ist
längst aus ihrem Wortschatz verschwunden.
Sie wissen einfach nichts mehr von der menschlichen Möglichkeit des Sehens. Was der
Fremde da erzählt, von den Farben der Natur, von den Schönheiten, die man sehen kann,
das ist für sie blanker Unsinn, wirres Gerede. In ihren stockdunklen Häusern, die keine
Fenster haben, findet er sich nicht zurecht. Die Bewohner des Tals halten ihn deshalb für
behindert, krank.
Die Blinden haben sich ihre eigene Weltanschauung zurechtgelegt: ihr kleines Tal ist für
sie die ganze Welt. Oben drüber, so stellen sie sich es vor, wölbt sich eine
Felsendecke, an der sich der Tau sammelt und als Regen herunterfällt.
Was der Fremde da erzählt vom weiten Himmel, über ihnen und von der Welt außerhalb
des Tals, und von den Städten, von den Wäldern und Meeren, das halten sie für Ketzerei,
für Wahnsinn.
Die Geschichte endet ziemlich dramatisch: die Blinden möchten den Fremden gern
"heilen": sie wollen ihm die vermeintlichen Geschwüre entfernen, die sie für
die Ursache seiner Behinderung und Verwirrung halten. Sie wollen ihm die Augen entfernen.
Da ergreift er verständlicherweise die Flucht.
Mich erinnert das stark daran, wie man mit Jesus umgegangen ist: "Gotteslästerung", "Wahnsinn", haben die Leute gerufen, als er ihnen von Gott erzählte und von Gottes Reich. Und man sagte: der muß weg. Der stört. Verständlich: Wir lassen uns das auch nicht gern sagen: Mensch - du bist blind. Man kann sich auch im Dunkeln ganz wohl fühlen. Es hat seinen Reiz, nicht alles zu sehen. Man erspart sich einiges dabei.
In der Geschichte aus dem Tal der Blinden ist der fremde Besucher fast verzweifelt,
weil er den Leuten dort nicht klar machen konnte, was ihnen fehlt.
Deshalb hat er einmal gesagt: "Ich bin das Licht für die Welt. Wer mir nachfolgt,
wird nicht mehr in der Dunkelheit umherirren, sondern folgt dem Licht, das zum Leben
führt." (Johannes 8,12) Das ist die Chance. Gut - wir können sagen: Brauchen wir
nicht. Ich will gar nicht so gut sehen: die Sorgen meiner Mitmenschen, meine eigenen
Fehler. Mir jedenfalls reicht das nicht. Ich brauche Licht. Und deshalb brauche ich Jesus.
Jesus ist das Licht der Welt. Ihm gegenüber verblassen alle "großen
Lichter", denen wir Menschen sonst nachrennen. Wo Jesus ist, da wird es hell in
unserem Leben. Da verschwindet alles Verschwommene und Undeutliche. Da gewinne ich
Klarheit über mich, andere Menschen und über den Willen Gottes. Da bleibe ich nicht
blind.
Wir können Jesus nicht unmittelbar sehen. Aber wir können seine Worte lesen und hören.
Und seine Worte hinterlassen heute noch einen unauslöschlichen Eindruck von der
einzigartigen Person, die hinter ihnen steht. In den Jesusworten ist Licht. Und indem er
zu uns spricht, fällt Licht in unser Leben. Und dann kommt alles an den Tag, was bisher
verborgen war und man auch gerne verborgen hat. Das Wort Gottes hält uns oft einen
Spiegel vor, in dem wir uns - oft mit Schrecken - selbst erkennen können. Wenn wir
wollen, wenn wir ehrlich dem standhalten, was wir da hören oder lesen.
Wer sich offen und ehrlich dem Licht Jesu aussetzt, der wird ganz sicher immer wieder
seine Überraschungen erleben, und zwar nicht nur unangenehme sondern auch sehr schöne
Überraschungen. Jesus deckt uns unser Fehlverhalten ja nicht mit der Absicht auf, um uns
bloßzustellen, sondern um uns zu helfen und zu heilen.
Jesus deckt zwar unsere Sünde und unsere Schuld durch sein Wort auf, aber er deckt sie
auch wieder zu. Er legt den Finger auf unsere wunden Stellen, aber er heilt sie auch. Er
führt uns zur Sündenerkenntnis, aber er vergibt uns auch.
Wenn meine Schuld mir vergeben ist, dann wird es hell in meinem leben. Es ist einer der
schönsten Momente im Leben von Christen, wenn sie das wissen und glauben dürfen: Meine
Schuld ist mir vergeben. Und oftmals kann man es ihnen an ihren strahlenden und
leuchtenden Gesichtern ablesen. Wo Vergebung geschieht, da hat das Licht die Dunkelheit
vertrieben. Da hat man das Licht des Lebens.
Die Sonne hat ja auf den Menschen eine faszinierende Wirkung. Zumindest geht es mir so:
Wenn es draußen dunkel und düster ist, dann ist auch meine Stimmung leichter im Keller.
Aber wen die Sonne scheint, dann lebe ich auf. Ich nehme an, vielen unter euch wird es
ähnlich gehen.
Genau ist es auch, wenn ein Mensch Jesus in seiner Liebe und Vergebung begegnet. Dann
geht die Sonne für ihn auf. Dann wird hell in seinem Leben. Ich weiß es von mir selbst
und von vielen anderen: Wo Jesus einem Menschen in seinem Wort begegnet, da lebt der
Mensch auf. Es macht Freude, diesem Licht zu begegnen, so wie es Freude macht, sich in die
warme Sonne zu setzen.
Mach dich auf die Suche nach diesem Licht, - bis du es hast! Mach dich doch auf den Weg zu
Jesus, - bis du bei ihm bist! Es ist nicht viel, was du dazu tun mußt. Du brauchst nur
ganz ehrlich deine Schuld Jesus sagen. Heute in der Beichte hast du Gelegenheit dazu.
Mach's doch! Und dann darfst du dir beim Abendmahl die Vergebung abholen. Jesus schenkst
sie dir doch. Brauchst sie nur zu nehmen. Mit der Hostie und dem Schluck Wein darfst du
auch gewissermaßen die Vergebung hinunterschlucken. So einfach ist das. Das ist nicht
schwer. Das kannst du auch.
Und dann laß dir das, was Jesus dir geschenkt hat, nicht mehr wegnehmen. Suche jeden
Tag neu die Nähe Jesu in seinem Wort! Er liebt dich, und wartet jeden Tag auf dich, daß
du dies tust, - damit er dich immer wieder beschenken kann. Enttäusche ihn doch nicht!
Nicht, was der Mensch ißt, sondern was er verdaut, macht ihn stark. Nicht, was wir
verdienen, sondern was wir sparen, macht uns reich. Nicht, was wir lesen, sondern was wir
im Kopf behalten, macht uns gescheit. Und so macht auch nicht das unser Christsein aus,
was wir von Jesus, bekommen, sondern was wir behalten. Nur das Christsein hat einen Wert,
das andauernd geübt wird. Wer laufen kann und trotzdem immer im Bett bleibt, der verlernt
das Laufen wieder. Wer sehen kann, und immer wieder sich in der Dunkelheit bewegt, der
verliert seine Sehkraft. Und wer sich nicht immer neu in der Nachfolge Jesu übt,
verlernt, was Nachfolge ist. Aber wer sich immer wieder mit den Worten Jesu beschäftigt
und sich ihnen aussetzt, auf den üben sie eine immer stärkere Wirkung aus.
Aus dieser Gemeinschaft mit Jesus kommt Klarheit und Segen für das tägliche Tun. Wir
lernen dann eine ganze Menge: wir lernen abhängiger von Jesus zu werden und immer freier
von der Meinung und dem Druck anderer Menschen, aber auch von unseren eigenen ungeordneten
Wünschen und Ängsten.
Solche Menschen hat die Welt immer gebraucht und braucht sie auch jetzt noch. Es sind von
Jesus geprägte Persönlichkeiten, die auch einmal den Mut haben, gegen den Strom zu
schwimmen, die durch ihre Liebe auffallen, die auch Orientierung bringen in eine weithin
orientierungslos gewordenen Welt. Die keine blinden Blindenleiter sind, sondern sehen,
wo's lang geht.
Solche Christen fallen auf. Sie werden für ihr Verhalten manchen Widerspruch ernten aber
doch auch dankbare Zustimmung.
So können ganz gewöhnliche Christen anderen Menschen ein Stück Geborgenheit geben und
ihnen die Richtung weisen. Sie können das Leben heller und freundlicher gestalten.
Mal ehrlich: Ist das nicht ein Leben, das sich lohnt. - auch für dich? Willst du nicht so
ein Leben führen? Daß dies auch wirklich geschieht, hängt alleine davon ab, daß du
Jesus nicht aus den Augen verlierst und ihm nachfolgst.
Amen