Die allermeisten von uns kennen diese Geschichte, die wir eben gehört haben: Da ist junger Mann, bei dem hat sich ein Gedanke festgesetzt: "Bei meinem Vater komme ich zu kurz. Der enthält mir etwas vor. Der gönnt mir nichts." Es war ein schlimmer Gedanke. Denn es handelte sich nicht um einen Vater, so wie ihn so manche unter uns oder gar viele kennen: Als einen, der meckert, verbietet, nie Zeit für einen hat und immer seine Ruhe haben will. So war dieser Vater in unserer Geschichte nicht. Er war sehr großzügig. Er macht keine Vorwürfe. Er gibt frei und klammert nicht.
Viele Menschen denken so von Gott, wie jener junge Mann. Sie denken: In seiner Nähe wird es eng. Bei ihm kann ich nicht durchatmen. Da kann ich mich nicht entfalten. Da verliere ich meine Freiheit.
Und dann – bleibt er schön brav bei Papa zuhause. "Wie bitte?" werdet ihr einwenden. Die Geschichte geht doch ganz anders weiter! Der Junge nimmt sein Erbteil, zieht in die weite Welt und verschleudert all sein Geld, bis er nichts mehr hat. So handelte der jüngere Sohn, stimmt. Aber ich habe die ganze Zeit, wahrscheinlich ohne das es einer gemerkt hat, vom älteren Sohn gesprochen. Dieser ältere Sohn kommt in Predigten über dieses Gleichnis meist zu kurz. Irgendwie verständlich. Denn die Geschichte vom jüngeren Sohn ist viel farbiger und dramatischer. Das Leben von seinem älteren Bruder gibt nicht so viel her. Es verlief eintönig und langweilig. Jahr für Jahr hat er nur seine Pflicht getan. Er schlug nicht über die Stränge, leistete sich keine Eskapaden. Nie ließ er die Sau raus.
Auch wenn es intereßanter sein mag, über das Leben des jüngeren Sohnes zu reden. Der ältere steht den meisten von uns in seiner Einstellung und Haltung wohl näher. Denn der jüngere gleicht den Gottlosen, die sich von Gott abwenden, aber dann irgendwann einmal zu ihm umkehren. Doch der ältere gleicht den Frommen, die nach Gottes Willen leben wollen. Bei denen, das heißt also bei uns, kann alles in Ordnung sein, nach außen hin zumindest. Aber der Schein kann auch trügen. Denn im Inneren kann alles ganz genauso außehen wie beim jüngeren Sohn. Gar kein Unterschied. Auch beim älteren Sohn geht ein ganz tiefer Riß durch die Beziehung zum Vater. Auch er denkt: Beim Vater komme ich zu kurz. Da verliere ich meine Freiheit.
Das wird jedoch erst am Ende der Geschichte deutlich. In der Schlußszene steht auf einmal der ältere Sohn nicht im Haus sondern draußen vor der Tür, enttäuscht und verbittert. Er klagt den Vater an: "Dem da, der dich verlaßen hat, dem du ganz egal warst, dem feierst du bei seiner Rückkehr ein Riesenfest. Aber ich, der ich bei dir geblieben bin und der ich immer versucht habe, dir zu gefallen, ich war dir nie gut genug, ich war dir noch nicht einmal einen Ziegenbock wert!"
Auch hier wird tiefes Mißtrauen dem Vater gegenüber sichtbar. Dieses Mißtrauen hat nicht zum äußeren Verlaßen des Vaters geführt, aber zum inneren Verlaßen. Er ist innerlich auf Distanz gegangen, ist dem Vater innerlich entfremdet.
Innerliche Entfremdung bei äußerer Zugehörigkeit zu Gott. Das ist das Kennzeichen vieler Menschen. Sie mißtrauen auch Gott. Sie denken: Der meint es nicht gut mit mir.
Auf den ersten Blick scheint bei ihnen alles in Ordnung. Sie bleiben beim Vater, versuchen, ihm zu gefallen als seine braven Söhne und Töchter. Oftmals Stützen in der Gemeindearbeit, verdienstvolle Mitarbeiter, die sich durch großes Pflichtbewußtsein und Hingabebereitschaft auszeichnen. Doch tief in ihnen frißt und nagt ein Mißtrauen gegenüber Gott und sich selbst: "Der meint es nicht gut mit mir! Dieser Gott ist ein Ausbeuter. Immer muß ich nur schuften, ein braver Sohn sein, damit er mich lieb hat." Was für eine perverse Gottesvorstellung!
Beiden Söhnen zahlt der Vater das Erbe aus. Beiden Söhnen! Ist euch das beim Lesen schon aufgefallen? Nicht nur der Jüngere bekam sein Erbe, auch der ältere. Gott ist großzügig – und gerecht. Beiden füllt er die Hände. Der jüngere Sohn beansprucht sein Erbe und verschleudert es. Der ältere tritt es gar nicht erst an, aus Angst etwas falsch zu machen.
Der ältere Bruder verhält sich wie ein Knecht und nicht wie ein Sohn. Er rackert und schuftet, er bemüht sich krampfhaft, die Anerkennung seines Vaters durch pausenlose Pflichterfüllung zu bekommen. Dabei übersieht er eine grundlegende Tatsache: er muß sich die Anerkennung seines Vaters doch nicht verdienen, er ist doch kein Knecht, er ist doch Sohn! Die Liebe und Anerkennung des Vaters ist ihm doch seit seiner Geburt schon 100- prozentig sicher. Vom Vater her ist alles klar: das ist mein geliebter Sohn, ich liebe ihn ohne Vorbedingung und Vorbehalt, egal was und wie viel er schafft und leistet. Eltern lieben ihre Kinder doch auch einfach deshalb, weil sie ihre Kinder sind. Ein Vater würde doch niemals zu seinem kleinen Kind sagen: "Also, mein Baby, weil du noch nicht sauber mit Meßer und Gabel eßen kannst, deshalb habe ich dich nicht lieb. Streng dich also mal feste an, dann überlege ich mal, ob ich mit dir zufrieden sein kann." Das ist doch völliger Unsinn. So würde kein Vater sich verhalten. Sondern er liebt sein Kind doch genau so wie es ist, unabhängig von dem, was es schon kann.
Aber so eine fürchterliche Vorstellung von seinem Vater hat der ältere Bruder! In Wirklichkeit hat er einen wunderbaren, liebevollen Vater, der ihn über alles liebt und ihm ja bereits alles geschenkt hat, sein ganzes Erbe. Der Vater enthält ihm nichts vor. Die Liebe des Vaters ist grenzenlos. Aber der ältere Sohn bemerkt das gar nicht, Er denkt: Von meinem Vater kann ich nichts erwarten - nicht einmal einen Ziegenbock.
Gott gönnt ihm doch den Ziegenbock von Herzen, er gönnt ihm viele Ziegenböcke, deshalb gab er ihm ja auch sein Erbe. Nur – der ältere Sohn nimmt es nicht in Anspruch, weil er sich selber nichts gönnt.
"Brave Mädchen kommen in den Himmel!" - heißt die erste Zeile eines bekannten Buches, das Mut zu selbstgewählten Wegen macht: "böse überall hin!" Von wegen - brave Mädchen und Jungen kommen nämlich nicht in den Himmel, sondern landen oft genug in frommen Höllen. Weil sie gefangen sind im Käfig der Kategorien von Lohn und Leistung. Nur wenn ich tadellos meine Arbeit im Vaterhaus verrichte, bin ich ein guter Sohn. Verhängnisvoller Perfektionismus. Denn dann wirst du Gott nur noch sehen können als unbarmherzigen Richter, dem du nie genügen wirst. Irgendwann einmal wird die Frömmigkeit, die nur fromme Pflicht war, umschlagen in Gotteshaß.
Ich stell mir jetzt mal folgenden jungen Menschen vor. Nennen wir ihn Pius, auf deutsch, den Frommen. Mama und Papa haben ihn als Kind in die Jungschar und den Kindergottesdienst geschickt. Mama und Papa haben auch immer mit ihm gebetet und ihm erklärt, wie wichtig es ist, mit Gott zu leben. Pius macht auch brav mit, was die Eltern ihm sagen. Nach der Konfirmation geht er weiterhin mit Mama und Papa in die Kirche. Er findet, das ist eine tolle Leistung. Der liebe Gott kann stolz auf ihn sein. Christsein macht ihm aber keine Freude. Da gibt’s ja so viele Regeln, die zu beachten sind! Doch er ist mit sich zufrieden, wenn er sein frommes Pflichtpensum geschafft hat und ärgert sich, wenn ihm mal ein Fehler unterläuft. Ab und zu baut er natürlich auch mal Mist. Manchmal ist er deshalb am Boden zerstört. Wie konnte ihm so etwas paßieren! Aber meistens empfindet er es als nicht so schlimm. Dafür gibt’s ja die Vergebung. Gott vergibt immer, wenn man mit Schuld zu ihm kommt, hat er, seit er denken kann, gehört. So wie mir Mama jeden Tag mein Frühstück macht, so gibt mir Gott die Vergebung. Dafür ist er ja schließlich da. Nach außen hin ist alles in Ordnung. Mama und Papa und der Pfarrer sind ganz zufrieden mit Pius. Und Gott muß es doch auch sein, oder? Doch im Inneren sieht es ganz anders aus: Da ist keine Liebe zu Gott da, sondern nur fromme Pflicht und eine gehörige Portion Selbstzufriedenheit. Und ganz tief innen schlummert die Rebellion gegen Gott, gegen den Gott, der ihm die Freiheit nicht gönnt. Er ist ein Knecht Gottes aber kein Kind Gottes. Vielleicht sitzt ja Pius unter uns und seine Zwillingßchwester Pia.
Der jüngere Sohn endet bei den Schweinen, ausgestoßen von der Gesellschaft. Schuld macht immer irgendwie einsam, zerstört Beziehungen. Aber auch der ältere Sohn vereinsamt, trotz oder gerade wegen seiner Frömmigkeit. Seinen kleinen Bruder verachtet er wegen deßen Freiheitsdrang. Aber insgeheim beneidet er ihn wohl auch: Der tut etwas, was er sich nie getraut hätte! Zum Vater hat er auch keine gute, ehrliche Beziehung. Immer nur: "Ja, Vater, natürlich Vater!" Aber er liebt ihn nicht. Er mißtraut ihm. Bei der Rückkehr seines Bruders bricht sein Groll und seine Bitterkeit wie ein häßliches Geschwür auf. Neid und Eifersucht auf seinen Bruder kommen aus der eiternden Wunde heraus und auch Wut und Zorn auf seinen Vater.
Merkwürdige Situation: Der mißratene Sohn kehrt zurück und liegt seinem Vater in den Armen. So nahe wie in diesem Augenblick waren sich die beiden noch nie. Und der anständige, brave Sohn steht draußen vor der Tür. Er ist unendlich weit davon entfernt, zu begreifen, was da zwischen seinem Vater und seinem Bruder geschah. Er ist auch unendlich weit von seinem Vater entfernt. Der Vater hat es bemerkt. Ihm fehlt der ältere Sohn. Er läßt ihn nicht vor der verschloßenen Tür der Lebensfreude stehen. Ist er dem jüngeren Sohn zuvorgekommen, so geht er dem älteren Sohn nach. Er tritt an die Seite seines zweiten Sohnes und bittet ihn herein.
Gott geht uns nach, wo wir uns selber von der Lebensfreude außperren. Er möchte, daß wir alle bei der Feier des Lebens dabei sind. Nicht nur die Söhne und Töchter, die sich im Weg nach außen verloren haben, sondern auch die, die sich im Rückzug nach innen verlieren. Gott will und kann nicht feiern, ohne auch diese verlorenen Söhne und Töchter bei sich zu haben.
Soviel sind wir ihm wert, daß er nicht nur für den jüngeren Sohn, sondern auch für die Frommen das Haus verläßt, ihnen nachgeht und sie einlädt, - uns nachgeht und uns einlädt. Gott hat Sehnsucht gerade nach den braven Söhnen, die ihn, sich selbst und ihre Geschwister verloren haben. Und deshalb bittet er auch sie hinein ins Haus der Freude.
Die Bitte führt zum Gespräch. Endlich macht der ältere Sohn seinem Herzen Luft. Endlich kommt das heraus, was er die ganze Zeit in sich hineingefreßen hat, seine Bitterkeit und seinen Groll, seine Vorwürfe dem Vater gegenüber.
Mach’s doch genauso. Sag alle deine negativen Gedanken und Gefühle deinem himmlischen Vater. Alle Verachtung, die du anderen gegenüber empfindest, daß du dich für beßer als andere hältst, auch alles Mißtrauen Gott gegenüber, einfach alles. Mach es wie der jüngere Sohn und sag’ Gott: "Vater, auch ich habe gesündigt. Nach außen hin hat man zwar von meiner Sünde nicht viel gesehen. Aber innen sieht es genauso aus wie bei denen, die ihr Leben gottlos verbracht haben. Auch ich habe es nicht verdient, dein Sohn, deine Tochter zu sein."
Gott hört sich das alles an. Ja, er läßt es sich gerne sagen. Er macht uns keine Vorwürfe, wenn wir Schuld bekennen. Es kommt von ihm keine Zurechtweisung sondern ein grenzenloses Angebot. Ein Angebot, das man doch nicht abschlagen kann: "Alles, was mir gehört, gehört auch dir!"
Nimm doch das in Anspruch! Die ganze Fülle seiner Liebe: seine Vergebung, seine Freude, seine Liebe, seine Kraft, sein Frieden.
Auch die Frommen und Braven dürfen zu Gott umkehren. Dann erst werden sie merken, wie ein Leben mit Jesus wirklich ist: etwas Wunderbares und Großartiges, nichts Schreckliches und Kümmerliches. Gott lädt uns zu sich zur großen Freude und nicht zur großen Traurigkeit ein. Keiner wird es bereuen, weil er nun ein Leben mit Gott und seinem Sohn Jesus Christus führt. Sondern er wird eher sagen: "Wie dumm war ich, daß ich nicht schon viel eher zu Gott umgekehrt bin. Denn jetzt hat mein eigentliches Leben erst angefangen. Ich habe ja gar nicht gewußt, wie gut es mir bei Jesus geht." Gott ist nicht der große Spaßverderber, der dir nichts im Leben gönnt. Das merkt allerdings nur der, der die Liebe Gottes erfährt. Als ich das erste Mal begriffen habe, daß Gott mir meine Schuld vergeben hat, da habe ich mich gefreut, wie nie vorher in meinem Leben. Und ich weiß von vielen, daß es ihnen ähnlich ging.
Gott gönnt jedem von uns den Weg in die Freude – egal ob wir uns nun eher in dem älteren oder dem jüngeren Sohn wieder entdeckt haben. Darum wünsche ich nun uns allen – im doppelten Sinne des Wortes – einen guten Nach-Hause-Weg!
Amen