Liebe Gemeinde!
Jona muss wohl ein komischer Kauz gewesen sein, ein seltsamer Vogel. Seine
Mission war erfolgreich. Er predigte: „Gott ist zornig auf euch! Ninive wird
untergehen!“ Als Folge seiner Worte kehrte eine ganze Stadt zu Gott um. Und der
Untergang fand nicht statt. Gott strafte nicht sondern war gnädig.
Müsste Jona sich nicht freuen oder wenigstens ins Staunen geraten über die
übergroße Barmherzigkeit Gottes? Aber nein, der Prophet ist sauer, stinksauer
auf Gott. Lautstark beschwert er sich bei ihm: „Das habe ich mir schon gleich
gedacht. Deshalb wollte ich ursprünglich nicht nach Ninive. Du bist viel zu
gnädig! Jetzt stehe ich als der Blamierte da. Ich habe Gericht, dein Gericht
angekündigt. Und jetzt kommt es nicht. Ich schäme mich so für dich. Am liebsten
wäre ich tot.“
Doch dann denkt er sich: Vielleicht passiert ja doch noch was. Er baut sich
einen Beobachtungsposten östlich von Ninive und wartet darauf, ob Gott nicht
vielleicht doch die Stadt zerstört. Man möchte fast über das Verhalten von Jona
schmunzeln oder lachen, wenn sein Warten auf den Zorn Gottes nicht so traurig
wäre.
Dem Propheten selbst war bestimmt nicht zum Lachen zumute. Seine Laune bessert
sich erst, als über ihm eine Schatten spendende Pflanze wächst. Doch mit der
guten Laune ist es schlagartig wieder vorbei, als der Rizinus verdorrt.
Wirklich, ein seltsamer Mensch: Das Schicksal einer Großstadt lässt ihn kalt.
Wenn Hunderttausende von Menschen umgekommen wären, - es hätte ihn nicht
berührt. Aber wenn eine Pflanze, die ihm Schatten gespendet hat, eingeht,
zerfließt er vor Selbstmitleid.
Jona, ein merkwürdiger Mensch. Aber sind wir nicht oft auch so merkwürdig? Wir
denken zuerst an unsere Interessen und dem, was uns gut tut. Aber ob andere
Menschen leiden, vielleicht auch unter unserer Art, das berührt uns nicht. Und
wie es Gott dabei geht, wie wir uns verhalten, bedenken wir auch oft nicht.
Wir haben alle die Regeln der menschlichen Grammatik gelernt. Da gibt es eine
erste Person: „ich, eine zweite „du“, und eine dritte: „er, sie es“. Und danach
leben wir auch normalerweise: Zuerst komme ich mit meinen persönlichen
Bedürfnissen und Ansprüchen, dann das „du“, d.h. unser Mitmensch, und erst zum
Schluss „Er“, Gott unser Schöpfer. Aber die göttliche Grammatik, nach der wir
leben sollen, sieht genau umgedreht aus: Zuerst kommt „Er“, Gott, dann das „Du“,
der Mitmensch und erst zum Schluss ich selbst.
Für uns ist es normal, wenn wir zunächst unsere eigenen Interessen verfolgen.
Für Gott ist es normal, wenn wir zuerst ihn den Mittelpunkt unseres Lebens
stellen. Denn er weiß: Egoismus tut nicht nur unseren Mitmenschen nicht gut. Wir
tun nicht nur Gott damit weh. Sondern wir verletzen uns durch unseren Egoismus
auch selbst.
Eine Legende aus Asien erzählt von einem seltsamen Vogel mit zwei Köpfen. Jeder
pickte sein Futter, aber gemeinsam vertrieben sie jeden Angreifer. Sie gehörten
zusammen, taten alles gemeinsam und waren ein Herz und eine Seele. Da kam eine
große Dürre, und das Futter wurde knapp. Der obere Kopf schnappte nun in seiner
Not die letzten Würmer für sich weg, und der andere kam zu kurz. In seiner
Kränkung durch den Egoismus des anderen fraß der untere Kopf schließlich giftige
Pilze, weil der obere das Wenige nicht mehr teilen wollte. Zu spät merkte der
untere Kopf, dass das Gift auch ihn krank machen und sterben lassen würde. So
starb schließlich der ganze Vogel am Gift der Ichsucht und auch der Rache.
„Du tötend` Gift der Eigenliebe“ heißt es in einem frommen Lied. Egoismus ist
ein hoch wirksames Gift, tödlicher als Arsen oder der radioaktive Stoff
Polonium, für den, dem man Liebe schuldig bleibt und auch für einen selbst. Auch
wenn Selbstliebe uns nicht buchstäblich umbringt, so macht sie doch oft
tod-unglücklich.
Das fängt schon in der Kindheit an. Da gönnt ein Kind dem anderen ein Spielzeug
nicht. Es kommt zu Streit und vielleicht auch Handgreiflichkeiten. Das Spielzeug
wird hin und her gezerrt. Zurück bleiben zwei schreiende Kinder und vielleicht
auch ein kaputtes Spielzeug. Glück sieht anders aus.
Ein Jugendlicher flippt vielleicht deshalb aus, weil er sich vom Lehrer
ungerecht behandelt fühlt. Oder er redet einen anderen dumm an, weil ihm etwas
an ihm nicht passt. Der andere lässt sich die Angriffe meist auch nicht
gefallen. Es kommt zu unangenehmen Wortwechseln, und vielleicht auch
Beschimpfungen.
Erst recht bei Erwachsenen richtet der Egoismus einen unermesslichen Schaden an.
Wenn Ehepartner nur an sich, an ihre Interessen, ihr Glück denken, dann geht
eine Ehe kaputt, dann leidet nicht nur der andere Partner sondern auch die
gesamte Familie. Ein rücksichtsloser Karrieretyp steigt vielleicht die
Erfolgsleiter immer höher. Er geht über Leichen und wird selbst dabei immer
einsamer.
Typisch für einen Egoisten ist das verzerrte Denken. Wenn etwas nicht so geht,
wie er es erwartet, und wenn es nur eine Kleinigkeit wie ein verdorrter Rizinus
ist, dann leidet er wie ein Hund, dann ist er ungenießbar, dann will er am
liebsten sterben. Denn die Welt ist für ihn untergegangen. Dabei ist nur sein
kleiner Mikrokosmos, in dem er der Mittelpunkt ist, untergegangen.
Jona ist ein Egoist, so wie es viele andere auch gibt und dabei sehr fromm.
Egoismus ist immer schlimm, aber der fromme Egoismus ist dreimal schlimmer. Denn
er gönnt dem anderen die Barmherzigkeit Gottes nicht, die er selber erfahren
hat.
Jona hat erlebt, wie gnädig Gott ihm gegenüber handelte. Er war ein
ungehorsamer, dickköpfiger Prophet, der seinen Auftrag nicht erfüllen wollte.
Lieber haut er ab, flieht auf ein Schiff. Doch Gott vernichtet ihn nicht,
sondern geht ihm nach. Im brausenden Sturm werfen ihn die Matrosen des Schiffes,
auf das er sich geflüchtet hat, über Bord. Doch der Fisch, der ihn verschluckt,
verdaut ihn nicht sondern bringt ihn an Land und spuckt ihn dort aus. Eine
unglaubliche, wunderbare Gnade, die Jona in diesem Erlebnis erfährt. Gott
verwirft ihn nicht sondern fängt mit ihn neu an. Jona bleibt sein Prophet, den
er gebrauchen will. Wie barmherzig ist doch Gott – Jona gegenüber. Und wie
unbarmherzig ist Jona – den Bewohnern von Ninive gegenüber.
Aber vielleicht kennen wir so ein Verhalten ja auch bei uns: Wir haben die Liebe
Gottes erfahren und können doch so lieblos anderen gegenüber sein. Da hat uns
Gott in irgendeiner Not geholfen, aber der andere, der Hilfe braucht, kann
schauen, wo er bleibt. Gott hat uns vergeben, aber wir selber hegen gegenüber
jemanden Groll und Bitterkeit. Gott hat uns aus unserer Verlorenheit
herausgeholt. Aber wenn andere verloren gehen, juckt uns das nicht.
Jona rührt nicht, wenn hunderttausende Bewohner einer Großstadt in die Hölle
fahren. Diese Einstellung ist wohl viel schlimmer als sein Ungehorsam, von dem
das erste Kapitel des Jonabuches erzählt. Und doch geht Gott ihm wieder nach.
Wieder erteilt er ihm eine Lektion, durch einen Rizinus. Gott zuckt nicht
gewissermaßen mit den Achseln und denkt: Bei dem Jona ist Hopfen und Malz
verloren. Nein, er will ihn verändern, will ihn seine Liebe noch größer machen.
Gott gibt nicht so schnell auf, bei Ninive nicht, bei Jona nicht und bei dir und
mir auch nicht. Das Böse, das er auch bei uns sieht, irritiert ihn nicht,
sondern spornt ihn zu noch größerer Liebe an. Sicher, Gottes Blick bleibt unsere
Sünde nicht verborgen. Er ist kein Opa-Gott, der schlecht hört und schlecht
sieht, der nicht so mehr so recht mitbekommt, was seine Geschöpfe Schlimmes
treiben. Gott nimmt die Sünde ernst, so ernst, dass er sogar seinen Sohn am
Kreuz sterben ließ. Er ist gerecht und straft. Aber lieber straft er seinen Sohn
als uns. Lieber lässt er ihn die Hölle am Kreuz durchmachen als uns.
Gottes Gerichte kommen ganz gewiss über die, die durch nichts, weder durch seine
Liebe noch durch seinen Zorn zur Besinnung kommen sondern ungeniert ihr
egoistisches Leben weiterführen. Aber wenn Gott nur einen Funken Glauben und
Bereitschaft zur Umkehr sieht, dann ist er so barmherzig, dass er nicht straft.
Sodom und Gomorra ging unter, weil keine zehn Gerechten dort gefunden wurden.
Jerusalem brannte, weil seine Bewohner Jesus verfolgt hatten. Doch Ninive blieb
stehen, weil seine Bewohner Buße taten. Und Jona blieb der Prophet Gottes, wohl
deshalb, weil er bei all seiner Dickköpfigkeit doch ehrlich war und insgeheim
wusste, wie falsch er lag.
Es ist Beides wichtig: Dass ich zum einen meine ganze Erbärmlichkeit und Sünde
erkenne und zum anderen doch nicht darüber verzweifle und glaube, dass Gott mich
trotzdem nicht verwirft.
Ein Rabbi sagte einmal zu seinen Schülern: „Jeder muss zwei Taschen haben und in
jeder der beiden Taschen einen wichtigen Spruch, um je nach Situation danach zu
greifen. In der einen Tasche befindet sich der Spruch: Auch ich bin Erde und
Asche! Und in der anderen der Spruch: Auch für mich hat Gott Himmel und Erde
gemacht!“ Bevor wir abheben, erinnern wir uns daran, dass wir kleine Erdenkinder
sind. Und wenn wir verzweifelt am Boden liegen, lassen wir uns sagen, dass wir
Gottes geliebte Kinder sind.
Vielleicht sollten wir noch in unsere Taschen zwei neue Sprüche tun. In die eine
Tasche das Wort: „Auch mich hat Jesus gemeint, als er sagte: Wer unter euch ohne
Sünde ist, der nehme den ersten Stein!“ und in die andere Tasche das Wort: „Auch
mich hat Jesus gemeint, als er sagte: Ich verdamme dich nicht, gehe hin und
sündige hinfort nicht mehr!“
Keiner, der den Herrn Jesus um Erbarmen angerufen hat, ist je enttäuscht worden.
Er hat allen geholfen, die zu ihm gekommen sind. Er hat niemanden hinausgestoßen.
Sondern alle haben die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes gemacht.
Wollen wir nicht heute neu oder zum ersten Mal zu diesem barmherzigen Herrn
kommen, ihm unsere Schuld bekennen und glaubend seine Vergebung empfangen?
Friedrich von Bodelschwingh erzählt, wie er als Kind durch seine Mutter die
Barmherzigkeit Gottes erfuhr:
„Als im Herbst das Obst reif an den Bäumen hing, hatte uns der Vater streng
verboten, auf die Bäume zu klettern. Wir durften nur von den heruntergefallenen
Früchten essen. Aber einmal hatte ich das Verbot doch übertreten und war
heimlich auf einen Baum geklettert. Dabei zerriss ich mir unglücklich den
Hosenboden. Heimlich schlich ich mich mit einem bösen Gewissen nach Hause. Dabei
drehte ich mich immer so geschickt, dass keiner den Schaden entdecken konnte.
Nach dem Abendessen ging ich in mein Zimmer, besah dort erst richtig voll
Entsetzen die zerrissene Hose und legte sie zuunterst auf den Stuhl, alle
anderen Kleidungsstücke geschickt darüber. Dann kniete ich am Bett nieder, um
mein Abendgebet zu sprechen: ‚Lieber Gott, ich bin heute ungehorsam gewesen.
Vergib es mir doch und mach, dass morgen früh meine Hose wieder heil ist!’ - In
diesem Moment ging meine Mutter an der Kinderzimmertür vorbei, blieb einen
Augenblick stehen und hörte mein Gebet. Dann ging sie lächelnd weiter. Dem Vater
sagte sie nichts. Sie wollte eine Handlangerin Gottes sein. Als ich fest
eingeschlafen war, nahm sie die zerrissene Hose und machte sie wieder heil. Dann
legte sie die Hose so hin, wie sie unter dem Berg von Kleidern gelegen hatte. -
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein erster Griff nach der Hose. Welch
ein Wunder, die Hose war wieder in Ordnung! - Ich weiß noch heute, dass dieses
Erlebnis, wo Mutter ein Engel gewesen war, meinen Kinderglauben mächtig
stärkte.“
So wie die Mutter Bodelschwinghs eine zerrissene Hose heil machte, so macht Gott
auch zerrissene Gewissen wieder heil. Er hört unseren Ruf nach Erbarmen und
vergibt uns wieder. Ja, er bringt uns sogar oft aus einer verzwickten Lage, in
die wir uns aus eigener Schuld hineinmanövriert haben, wieder hinaus. So gnädig
und barmherzig ist Gott!
Wenn Gott uns so barmherzig ist, sollten wir dann nicht auch anderen gegenüber
barmherzig sein? Ich hoffe, dass Jona seine Lektion gelernt hat und nicht nur
Mitleid mit einer verdorrten Pflanze sondern auch mit den Bewohnern von Ninive
bekam. Und so hoffe ich auch, dass wir alle genauso von Gottes Barmherzigkeit
lernen und so werden, wie er ist.
Amen