Liebe Gemeinde!
Steht bei Ihnen noch der Weihnachtsbaum im Wohnzimmer? Mit Sicherheit nicht.
Denn erstens ist die Weihnachtszeit längst vorbei. Es geht schon auf Ostern zu.
Und zum andern wäre so ein Baum kein Schmuckstück mehr. Die Nadeln wären schon
längst abgefallen. Man würde nur noch den Stamm und die nackten Äste sehen. Es
sei denn, Sie haben einen Weihnachtsbaum, den Sie auch im nächsten Jahr wieder
verwenden können. Nein, ich meine keinen künstlichen sondern einen mit einem
Wurzelballen. Klar, es besteht ein entscheidender Unterschied zwischen einem
abgesägten Baum und einen mit Wurzeln. Der eine verdorrt nach kurzer Zeit, der
andere bleibt, behält seine Nadeln oder treibt seine Blätter immer wieder aus.
Ganz zu schweigen von den Früchten, die er bringt. Die Wurzeln machen’s.
Pflanzen brauchen Wurzeln. Das ist eine Grundvoraussetzung für ihr Gedeihen. Und
wir Menschen brauchen sie auch, ebenso die Gesellschaft, in der wir leben. Wir
brauchen nicht nur Wohlstand, materielle Werte, wir brauchen auch immaterielle,
geistige Werte. Um ein Wort von Jesus etwas abgewandelt zu zitieren: „Der Mensch
lebt nicht nur von einem gut gefüllten Bankkonto oder Wertpapierdepot, nicht nur
von Grundbesitz, Häusern und einem attraktiven Beruf, nicht nur von den neuesten
Handys und Computern, nicht nur von dreimal Urlaub im Jahr und möglichst viel
Spaß. Sondern er lebt auch und in erster Linie vom Wort Gottes.“
Ein Mensch braucht Wurzeln, einen an der Bibel, dem Wort Gottes orientierten
Lebensstil. Doch an diesen Wurzeln fehlt es den allermeisten Menschen heute. Die
in Düsseldorf erscheinende „Wirtschaftswoche“ schrieb: „Die Menschen in
Deutschland waren noch nie reicher als heute. Sie waren aber auch noch nie
wurzelloser.“ Sie sind, um das Bild von Psalm 1 zu gebrauchen, wie Spreu oder
Blätter im Wind, die bald hierhin, bald dorthin geweht werden, je nachdem, woher
gerade der Zeitgeist kommt. Der Journalist Peter Hahne formuliert in seinem Buch
„Schluss mit lustig“: „Die Halbwertzeit unserer Lebensausrichtung wird immer
kürzer.... Wer sich dauernd ‚verpflanzen’ lässt, bleibt letztlich ohne festen
Standpunkt. Wir leben in einer Umtopfgesellschaft, die die Proklamation fester
Werte unter Fundamentalismusverdacht stellt.“
Alles ist unserer Zeit relativ geworden. Der Glaube an Gott? Schön und gut für
den, der damit etwas anfangen kann. Dem mag so ein Glaube noch Halt und
Geborgenheit bringen. Aber es geht auch ohne Gott oder mit einem ganz anderen
Gottesglauben als dem christlichen.
Ehe und Familie? Ganz nett. Aber man kann auch anders leben. Wechselnde
Beziehungen? Nichts dagegen einzuwenden. Öfter mal was Neues, auch Mann mit Mann
oder Frau mit Frau. Was soll schon dagegen sprechen?
Nicht lügen, aufrichtig und ehrlich sein? So lange es mir was bringt, mag so ein
Verhalten ja okay sein. Aber der Ehrliche ist doch sowieso der Dumme. Ab und zu
muss man doch einfach lügen, sonst kommt man zu nichts.
Die zehn Gebote gelten in unserer Zeit schon lange nicht mehr. Alles ist
erlaubt, man darf sich nur nicht erwischen lassen.
Und die Folgen eines solchen Verhaltens? Es ist das Chaos, das Chaos - im
gesellschaftlichen wie im persönlichen Leben. Es geht alles drunter und drüber,
weil eine ordnende Kraft fehlt. Wir ernten kaputte Ehen, Kinder aus gestörten
Verhältnissen, ein kälteres gesellschaftliches Klima, mehr Verbrechen, um nur
einiges zu nennen.
Wir ernten ein sinnloses Leben, so wie es Samuel Beckett in einem seiner
Bühnenstücke schildert. Die Welt, in der wir leben, so der Dichter, ist wie ein
Stückchen versengte Wüste. Dort verbringt Winnie, in den Wüstensand eingegraben,
ihr eintönigen Tage. Sie redet unentwegt vor sich hin, unwesentliches und
unnötiges Geschwätz.
Während des Stücks wird Winnie immer mehr im Wüstensand verschwinden. Und zum
Schluss sieht man nur noch ihren Kopf. Bald wird sie begraben sein. Aber solange
sie lebt, plappert sie unentwegt von ihren angeblich so glücklichen Tagen. Wie
heißt es in Psalm 1?: Die Gottlosen sind „...wie Spreu, die der Wind verstreut.“
An dieser Stelle können wir uns nun nicht bequem zurücklehnen und denken: „Ja,
ja, so ist halt das Schicksal der Gottlosen. Gott sei dank sieht es in meinem
Leben anders aus.“ Ist das wirklich so der Fall? Wir müssen uns hüten, mit dem
Finger auf andere zu zeigen und uns selbst nicht zu prüfen, wie es denn um
unsere Wurzeln steht.
Wir mögen nicht Millionen ergaunern wie so manche Wirtschaftsbosse. Aber sollte
auf den paar Euros, die wir am Finanzamt vorbeischleußen, mehr Segen liegen als
auf diesen Millionenbeträgen? Wir mögen noch nie die Ehe gebrochen haben und
wechselnde Partnerschaften wie viele Promis unserer Zeit gehabt haben, aber wie
sieht es mit unseren Gedanken aus? Oder was haben unsere Augen schon an
dreckigen Bildern im Fernsehen, Zeitschriften oder Internet gesehen? Wir mögen
noch keinen Meineid vor Gericht geschworen haben, aber wie sieht es mit unseren
Alltagslügen aus, den Heimlichkeiten und Übertreibungen?
Nach außen hin mag ja alles in Ordnung aussehen: ein frommes Elternhaus, ein
frommer Lebensstil. Aber in der Klassengemeinschaft oder im Betrieb merkt man
nichts von dem Christsein. Da passt man sich wie ein Chamäleon einer Umgebung
an, die von Gott und Jesus nichts wissen will.
Jeder Baum wächst in zwei Richtungen, nach oben und nach unten. Wir sehen nur
den Teil, der in den Himmel wächst, der Sonne entgegen, den Stamm, die Äste, die
Blätter und die Früchte. Aber genauso wichtig ist der unsichtbare Teil des
Baumes, seine Wurzeln, die unter der Erdoberfläche liegen. Je größer ein Baum
wird, desto größer und weit verzweigter wird auch sein Wurzelwerk sein.
Jeder Mensch, dessen Leben sich entfalten und Bestand haben will, braucht auch
Wurzeln. Er braucht die Verbindung mit dem Ursprung des Lebens, mit Gott. Diese
innere Verbindung sieht man auch nicht, genauso wenig wie man, wie die Wurzeln
eines Baumes die nötigen Nährstoffe aus dem Boden saugen . Und doch ist dieser
Vorgang lebensnotwendig.
Nährstoffe, Kraft für unser Leben bekommen wir durch das Wort Gottes. Wer das
einmal in seinem Leben gemerkt hat, den zieht es immer wieder dorthin, wo er für
seinen Alltag neuen Mut, Freude und Orientierung bekommt. Der Psalm 1 nennt den
glücklich, der „Lust hat an dem Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz
Tag und Nacht.“ Bei Gott seine Wurzeln zu haben, bedeutet also nicht nur, sein
Wort in der Bibel zu lesen oder in einem Gottesdienst zu hören. Es bedeutet vor
allen Dingen darüber nachdenken, es bewegen und sein Denken, Reden und Handeln
danach auszurichten.
Ein Baum hängt seine Wurzeln nicht nur für eine kurze Zeit in den fruchtbaren
und wasserreichen Nährboden. Er ist darin verwurzelt, sein Leben lang. Oder um
ein anderes Bild zu gebrauchen: Wer an einem frischen Brot satt werden will, dem
nützt es nicht, wenn er nur ein bisschen daran schnuppert. Sondern es muss es
essen und verdauen.
Damit das Wort Gottes seine Wirkung bei einem Menschen erzielen kann, braucht es
vor allem Stille. Sie ist etwas, was man wie eine Wurzel nicht sieht, aber für
ein fruchtbares, von Gott gesegnetes Leben unbedingt wichtig ist. Es
funktioniert nicht, wenn man seine Bibel vor einem lärmenden Fernseher oder
einer dröhnenden Stereoanlage oder mit einem Stöpsel im Ohr lesen will. Dann
kann ich es genauso gut auch bleiben lassen. Auch bringt es nichts, wenn ich in
einem Gottesdienst sitze, zwar mehr oder weniger abgeschirmt von äußerer
Ablenkung, aber ich selber bin nicht still, weil es in mir lärmt, sich in mir
unablässig irgendwelche Gedanken wie ein Mühlrad drehen. Meist sind es ja sehr
belanglose Gedanken wie: Warum dauert das heute wieder so lange? Wieso zappelt
der da vor mir sitzt, immer hin und her? Ah, da sitzt ja der Erwin oder die
Sabine! Die muss ich nachher unbedingt etwas fragen!
„Unser Kraft kommt aus der Stille“, so heißt ein fantastisches Buch des
Norwegers Ole Hallesby, eines der wenigen Bücher, in die ich immer wieder gerne
und mit Gewinn hineinschaue und darin lese. Es stimmt: Nur wenn ich still werde,
kann Gott mit mir reden, können meine Lebenswurzeln Kraft aufnehmen, die
schließlich in Frucht umgewandelt wird.
Die äußere Stille kann man sich verschaffen. Um die innere kann man ringen und
vor allen Dingen darum bitten: „Lass mich doch zuhören! Lass mich ruhig werden,
damit ich dein Wort lesen und in mich aufnehmen kann!“
Etwas anderes ist noch wichtig, damit Gottes Wort in mir die Wirkung erzielt,
die es soll. Das ist die Gemeinschaft der Glaubenden. In zwei Wochen ist hier in
unserer Gemeinde Konfirmation. Einige werden wohl, wie in den letzten Jahren,
weiterhin den Gottesdienst besuchen und auch eine lebendige Beziehung zu Jesus
bekommen, wenn sie sie nicht schon haben. Andere werde ich wohl hier so schnell
nicht mehr sehen. Und da sind oftmals solche Kinder dabei, von denen ich den
Eindruck gewonnen habe: Denen bedeutet der Glaube schon etwas. Ich habe mich
schon oft gefragt: Woran liegt das nur, dass die einen bleiben und die anderen
gehen? Als Antwort auf diese Frage ist mir klar geworden: Es hängt sehr häufig
von einem wichtigen Punkt ab: Ob sie die Gemeinschaft der Glaubenden gesucht
haben und weiterhin suchen oder nicht. Wer die Gemeinschaft von Spöttern und
Ungläubigen sucht, der wird sich auch früher oder später nach ihnen orientieren.
Wer aber Gemeinschaft mit Glaubenden hat, wie etwa in einer Jugendgruppe oder
auf einer christlichen Freizeit, oder in einer gläubigen Familie, dem bleibt in
der Regel das Wort Gottes wichtig. Stille und Gemeinschaft, das sind zwei
wichtige Voraussetzungen, damit jemand in Gott verwurzelt sein kann. Bei einem
solchen Menschen wird das Wort Gottes früher oder später etwas bewirken. Es wird
ihn verändern. Es wird in seinem Leben Frucht bringen.
Frucht ist übrigens nicht mit Erfolg zu verwechseln. Erfolg geschieht durch
Leistung zur eigenen Ehre. Frucht geschieht durch Gottes Kraft zu seiner Ehre.
Erfolg will Sichtbares und zwar möglichst schnell, Frucht kann warten, kann
lange verborgen sein, überrascht aber mit um so größerer Fülle. Ein Baum bringt
seine Frucht zu seiner Zeit, heißt es im Psalm 1.
Es kann ein Mensch sehr erfolgreich sein, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der
angesehen und wohlhabend geworden ist, eine erfolgreiche Hausfrau, die ihren
Haushalt in Schuss hält und ihre Kinder gut erzieht, ein anständiger junger
Mensch, der zielstrebig auf einen bestimmten Abschluss hinarbeitet, und doch
kann bei aller anerkennenswerten Leistung etwas nicht stimmen. Wenn etwas nur
aus eigener Kraft und zur eigenen Ehre geschafft wird, dann steckt bei dieser
Frucht der Wurm drin. Nach außen hin mag menschliche Leistung imponieren, aber
innen ist sie faul und dadurch ungenießbar. Sie zählt nicht bei Gott. Deshalb
sagt Jesus auch einmal das anstößige Wort: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ D.
h. ohne die Verbindung mit mir kommt in einem Leben nichts heraus, was für die
Ewigkeit taugt.
Was ist Frucht? Nicht unbedingt das, was beim andern gut ankommt, nicht die
schöne Schale macht’s, sondern was sich unter ihr verbirgt. Frucht ist in erster
Linie das, was dem anderen gut bekommt. Unter mancher unansehnlicher Schale hat
sich ein gut schmeckender Apfel verborgen. Frucht bringe ich also, wenn ich
etwas tue, was den anderen Menschen gut bekommt. Wer „sauer“ oder sogar „giftig“
ist, ist für andere „ungenießbar“. Paulus zählt im Galaterbrief neun Früchte des
Geistes auf, die ein Christ bringt: Liebe - sie steht an erster Stelle -,
Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut,
Keuschheit.“ (Galater 5,22)
Frucht entsteht nicht durch eigene Anstrengung. Ich kann mir nicht vornehmen:
„Ab heute bringe ich die Frucht, die Jesus von mir haben will.“ Solche Versuche
enden im Selbstbetrug oder in der Resignation. Frucht ist ein Geschenk. Frucht
entsteht durch die Verbindung mit dem, der allein die rechte Frucht geben kann,
mit Jesus Christus. Jesus drückt diese Glaubenswahrheit einmal so aus: „Ein
guter Baum bringt gute Früchte.“ (Matthäus 7,17) Er kann gar nicht anders. Zum
Fruchtbringen muss er sich nicht erst anstrengen. Entscheidend für unser Leben
ist also, ob wir die lebendige Verbindung mit Jesus haben, oder nicht.
Gott wird so einen Menschen segnen, der mit ihm und seinem Wort leben möchte.
„Was er macht, das gerät wohl.“ heißt es hier im Psalm 1. Sicher gibt es im
Leben eines solchen Menschen auch schwere Zeiten, vielleicht gerade auch
dadurch, weil er seinen Weg ehrlich und korrekt und im Vertrauen auf Gott leben
will. So ein Lebensstil gefällt ja nicht jedem. Und solche Leute können einem,
der in Verbindung mit Jesus leben will, das Leben schwer machen. Aber einer, der
seinen Lebensstil an Gott orientiert und mit ihm im Glauben verbunden ist, wird
immer wieder erfahren: Gott lässt mich nie allein. Er steht mir immer zur Seite,
gerade dann, wenn es dick kommt, und erst recht, wenn ich Schwierigkeiten wegen
meines Glaubens bekomme.
Ich denke an einen Mann wie Martin Luther. Er stand zu dem, was er als Wahrheit
erkannt hatte. Denn diese Wahrheit hatte er in der Bibel entdeckt. Auch als er
mit Verhaftung und Tod rechnen musste, vor dem Reichstag in Worms, also vor dem
Kaiser und den Mächtigen des Deutschen Reiches, widerrief er nicht. Seine
Wurzeln war die Bibel, das Wort Gottes. Zu diesen Wurzeln bekannte er sich. Und
Gott bekannte sich auch zu ihm. Unbehelligt konnte den Reichstag verlassen. Wer
Gott treu bleibt, dem bleibt er auch treu.
Amen