Liebe Gemeinde!
Im Unterricht habe ich einmal einen neuen Schüler bekommen. Grüne Haare,
Irokesenschnitt, schwarz gewandet, Schnürstiefel, ein Punker eben. Ich frage
ihn, wo er herkommt. „Aus Thüringen.“ „Und lebst du bei deinen Eltern?“ „Nö, bei
der Schwester.“ Die ist 20 Jahre alt, erfahre ich von ihm. Früher lebte er bei
seinem Vater, dann kurz bei seiner Mutter. Aber ihr neuer Freund will nichts von
ihm wissen. So wohnt er eben bei der Schwester. Schulsachen nimmt er nicht mit.
Er will hier nur seine Zeit absitzen. Auf meine Frage, wie er sich seine Zukunft
vorstellt, zuckt er mit den Achseln. So manches von seinem provozierendem
Auftreten wird mir durch diese Vorgeschichte klar.
Was mag in diesem Teenager vorgehen? Wie tief wird sich die Erfahrung des
Herumgeschubstwerdens in sein Leben eindrücken, wie sehr seine Zukunft
bestimmen? Wird er noch im Alter daran denken? - Nur zu oft bleiben solche
Narben des Lebens, und ab und zu kommen sie wieder hoch und schmerzen. Wieviel
Teenager mögen ähnliche Erfahrungen gemacht haben? Und wieviel Menschen können
von enttäuschter Liebe und enttäuschten Hoffnungen erzählen? Und wieviel Seufzen
und wieviel Weinen mag es wohl geben, das eine Sehnsucht nach einer heilen Welt
anzeigt?
Vielleicht haben wir ja auch einmal so eine Situation durchgemacht, in der wir
das Gefühl hatten, wir sind von allen verlassen, sogar von Gott. Wenn so etwas
geschehen ist, dann steht die zusage Jesu an seine Jünger dagegen: „Ich will
euch nicht als Waisen zurücklassen. Ich komme zu euch.“
Er lässt uns nicht im Stich. Er wendet sich nicht von uns ab, sondern er wendet
sich uns zu. Er starb für uns am Kreuz und schrie in seiner Todesnot: „Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Seitdem braucht kein Mensch mehr
in dieser Furcht zu leben, von Gott verlassen zu sein. In den durchbohrten
Händen Jesu wird die Liebe Gottes sichtbar. Nein, nie wird sich Jesus von mir
abwenden.
Das kann man nicht oft genug sagen. Denn in jedem menschlichen Herzen steckt der
Urzweifel, das Urmisstrauen, ob Gott es wirklich gut mit einem meint, ob er
immer bei mir und für mich ist.
In einer sechsten Klasse stellte man mir die kritische Frage: „Warum ist denn
Jesus heute nicht mehr bei uns wie bei den Jüngern? Warum geschehen heute nicht
mehr die Wunder wie zur Zeit Jesu?“ Dahinter steckt ja die Anfrage: Hat uns Gott
jetzt verlassen? Oder stimmt das überhaupt nicht, was die Bibel uns berichtet?
Beide Fragen enthalten ja falsche Behauptungen. Es ist nicht richtig, dass die
Wunder Jesu heute nicht mehr geschehen. Und es stimmt auch nicht, dass Jesus
nicht mehr bei uns wäre. Als sichtbare Gestalt ist er seit seiner Himmelfahrt
natürlich nicht mehr da. Aber unsichtbar ist er durch den Heiligen Geist
anwesend. Jesus bezeichnet ihn hier als den Tröster. Man kann das griechische
Wort, das hier steht, auch als Beistand oder Begleiter übersetzen.
Die Jünger standen ja nach der Himmelfahrt von Jesus vor dem gleichen Problem
wie wir. Sie sahen ihn nicht mehr. Nun mussten sie darauf vertrauen, dass er
unsichtbar bei ihnen blieb. Aber woher wussten sie es? Jesus versucht es ihnen
hier zu erklären.
Seine Worte stammen aus den so genannten Abschiedsreden Jesu. Am letzten Abend
vor seinem Tod gab Jesus den Jüngern sein Vermächtnis mit. Und vor allen Dingen
will er sie auf eine neue Situation vorbereiten. Er kann nicht mehr sichtbar bei
ihnen bleiben. Sondern er muss zu seinem Vater im Himmel zurück, um von dort aus
jedem überall gleich nah sein zu können. In seiner irdischen Gestalt war ihm das
ja nicht möglich. Aber nach seiner Himmelfahrt konnte er durch seinen Geist
jedem, der an ihn glaubt, gleich nahe sein. Der Geist Gottes wird seine Stelle
einnehmen. Und er wird trösten, beistehen.
Der Theologe Rudolf Bohren schreibt: „Ein Mensch braucht Trost. Der Säugling,
schreiend in seiner Wiege, - der Greis, im Sterben eine liebe Hand umklammernd:
der zur Welt kommt und der aus dem Leben geht, beide brauchen Trost. Anfang und
Ende lassen ahnen, dass Trostbrauchen zum Menschsein überhaupt gehört.“
Diese Sätze sind wahr, auch wenn sie manche Menschen sicher nicht glauben. Ich
denke da an so manchen coolen Jugendlichen oder jungen Mann, der nie und nimmer
zugeben würde, dass er in seinem Leben Trost braucht. Er könnte ja dann als
„Weichei“ dastehen. Und wer will das schon sein! Aber ich glaube, dass gerade
solche Menschen, die vehement ablehnen, Trost zu brauchen, etliche
Trostmittelchen zu sich nehmen, wie Musik, meist sehr laute und harte Musik, und
auch Alkohol oder sogar Drogen. Menschen, die ihre eigene Sehnsucht nach Trost
verdrängen, sind im höchsten Grad suchtgefährdet. Getröstet werden sie durch
ihre Suchtmittel nicht, nur betäubt. Alkohol, Drogen, berauschende Musik machen
ein Versprechen, das sie nie einlösen. Sie ver-trösten nur und trösten nicht.
Jesus dagegen vertröstet nicht nur, sondern er gibt wirklichen, gegenwärtigen
Trost. Eine Vertröstung wäre es gewesen, wenn Jesus die Nachricht hinterlassen
hätte: Ich bin für euch gestorben, auferstanden, in den Himmel gefahren und
werde einmal wiederkommen. Wenn wir von Jesus nur diese Nachricht hätten, wäre
dies eine Vertröstung: Er war da, er wird wiederkommen. Das wäre schon etwas,
und doch wären wir auf diese Weise arm dran. Dann wären wir nämlich in diesem
Leben ohne Christus und damit auch ohne Trost.
Viele Christen unserer Tage sind so arm dran. Sie haben nur einen
geschichtlichen Jesus, der einmal gelebt hat und der einmal wiederkommen wird.
Aber sie haben keinen lebendigen Jesus, der in ihr gegenwärtiges Leben
eingreift, ihnen hilft, sie mahnt und tröstet. Mit anderen Worten: Es fehlt
ihnen der Heilige Geist, der in ihren Herzen wohnt, der Geist der Wahrheit, wie
er hier bezeichnet wird. Mit dem Heiligen Geist kommt Jesus selbst in mich
hinein. Vielleicht ist es uns beim Vorlesen aufgefallen: Einmal heißt es in
unserem Predigtabschnitt, dass der Tröster kommen wird und weiter unten, dass
Jesus selbst zu seinen Jüngern kommen wird. Der Tröster ist der Geist Jesu
Christi.
Hoffentlich begreifen wir, wie aufregend das ist: Jesus, der damals mit den
Jüngern über die Erde ging, mit ihnen redete und Wunder tat, - der will auch
heute noch mit uns durchs Leben gehen, mit uns reden und helfend eingreifen.
Zu Jesus kann ich nicht auf Distanz gehen. Ich kann ihn nur ablehnen oder
lieben. Man kann ihn nicht begutachten wie die Großen der Welt- und
Geistesgeschichte Napoleon, Goethe oder Luther. Die kann man würdigen,
kritisieren, loben, aber lieben muss man sie deshalb noch lange nicht. Bei Jesus
kommt alles darauf an, dass wir ihn lieben. Denn er ist nicht nur ein Großer der
Weltgeschichte, er ist der Sohn Gottes, der Erlöser der Menschheit.
Jesus lieben können wir nur, wenn wir merken, das wir seine Liebe brauchen. Wenn
ich begreife, da ist einer da, der mich nicht wegstößt, auch wenn ich merke,
wozu ich fähig bin, wenn mir meine eigene Lieblosigkeit aufgeht. Jesus lieben
kann ich, wenn ich merke, er hat mich lieb, auch wenn ich Schuld auf mich
geladen habe, er vergibt mir, auch wenn meine Sünde noch so groß ist. Wenn ich
von dieser Liebe Jesu zu mir überwältigt werde, dann kann ich gar nicht anders,
als ihn auch wiederlieben.
Und dann schenkt uns der Geist Gottes die Gewissheit, dass Gott bei uns ist und
wir nicht einsam und verlassen sind, er schenkt uns Getrostheit auch in schweren
Lagen, und er gibt uns die Liebe zu Jesus Christus ins Herz hinein.
Es geht im Christentum eben nicht um unbestimmte Gefühle sondern um
Gewissheiten. Nichts anderes als die Gewissheit der Nähe Gottes durch seinen
Geist kann uns wahren Frieden und Trost schenken.
Um diese Gewissheit darf man bitten. Um den Geist Gottes darf man bitten. Man
darf und soll sprechen: „Schenke mir deinen Geist, der mich dein Wort verstehen
lässt, der mich getrost machen kann, der mir die Liebe zu deinem Sohn Jesus
Christus gibt.“
Wer bittet, der empfängt, lesen wir in der Bibel. Jesus hat einmal das
ermutigende Wort gesagt: „Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen
Fisch, der ihm eine Schlange für den Fisch biete? ... Um wie viel mehr wird der
Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“
Der Heilige Geist ist Gottes beste Gabe. Denn damit gibt er sich uns selbst.
Heute ist eine gute Gelegenheit, ganz neu oder zum ersten Mal ganz bewusst darum
zu bitten.
Wenn wir wissen, dass Jesus durch den Heiligen Geist in unserem Leben
gegenwärtig ist, dann sind wir auch getröstet, nicht nur vertröstet. Wir sehen
und merken etwas, was die Menschen, die nicht glauben, nicht sehen. Sie sehen
den Geist der Wahrheit nicht, heißt es in unserem Predigtabschnitt. Der Heilige
Geist öffnet einem gewissermaßen die Augen für die neue Welt Gottes. Wer den
Heiligen Geist nicht hat, der sieht sie gar nicht.
Ich möchte diesen Gedanken an einem Bild verdeutlichen. Die meisten unter uns
haben sicher schon einmal einen Dom mit bunten Glasfenstern besichtigt. Solange
wir nur von außen um die Kirche herumgehen, sehen wir von alledem nichts. Die
Fenster wirken schwarz und eintönig. Sobald wir aber den Innenraum betreten,
leuchten sie in der Fülle ihrer Farben auf, obwohl es dieselben Scheiben sind.
Genauso ist es mit dem Heiligen Geist. Er führt uns in einen Raum, in dem die
Fenster leuchten. Dort sehen wir auf einmal das Leuchten des Gottesreiches, das
man, wenn man gewissermaßen außen steht, nicht wahrnimmt.
Dann merken wir, dass wir wirklich einen lebendigen Gott haben. Dann merken wir
zum Beispiel auch, dass die Bibel, Gesangbuchverse oder das Wort einer Predigt
ganz persönlich zu uns sprechen und uns getrost machen können.
Da sind ein Paulus und Silas, zwei Apostel, die im Gefängnis zu Philippi sitzen,
in Ketten gelegt. Andere hätten nur das Dunkle gesehen, das sie umgibt und die
hoffnungslose Lage. Aber Paulus und Silas sehen mehr. Sie wissen, dass Jesus
auch im Kerker anwesend ist. So fangen sie an, zu beten und Gott zu loben. Sie
sind getrost.
Da ist Paul Gerhardt, der Liederdichter. In den Schrecken des Dreißigjährigen
Krieges, als die Flammen sein Dorf in Schutt und Asche gelegt hatten, singt er:
„Warum sollt’ ich mich den grämen? Hab ich doch Christum noch! Wer will mir den
nehmen?“ Er ist getrost.
Da ist ein alter Mann, der im Krankenhaus liegt. Daheim ist seine Frau
gestorben. Das Geschäft wartet auf ihn. Ein Pfarrer besucht ihn, will ihn
trösten. Aber er ist schon getrost. Denn neben ihm auf dem Nachtkästchen liegt
die aufgeschlagene Bibel, die Seite für Seite von der Liebe Gottes zu uns
spricht.
So ähnlich wie diesen Personen ist es mir auch schon ergangen. Worte aus der
Bibel haben mich direkt angesprochen. Sie waren ein Gruß aus einer anderen,
unsichtbaren Welt und haben mich getröstet.
Gott kann trösten, durch die Bibel aber auch durch Menschen. Als junger Mann
hatte ich einmal einen großen Kummer. Ich ging zu meinem Seelsorger. Was er mir
sagte, weiß ich nicht mehr genau. Aber er betete mit mir und danach war ich
getröstet.
Überhaupt ist es eine wichtige Aufgabe von Christen, dass sie andere trösten.
Viele Menschen um uns herum hungern geradezu nach einem guten Wort oder auch nur
nach einem freundlichen Blick oder einem Händedruck. Ich besuchte einmal eine
alte Dame im Seniorenheim. Beim Verabschieden sagte sie mir: „Ach, schauen Sie
doch, wenn Sie wieder im Haus sind, immer bei mir vorbei. Und wenn Sie nur zur
Tür gehen und mir die Hand geben und ‚Grüß Gott’ sagen und dann wieder gehen.
Sie wissen ja gar nicht, was so ein kurzer Besuch für mich bedeutet.“
Das ist doch eine schöne Aufgabe, andere Menschen in ihrer Not wahrnehmen, auf
sie zugehen und sie trösten, mit dem Trost, mit dem du auch getröstet worden
bist.
Amen