Liebe Gemeinde!
„Wie sieht der Verteilungsschlüssel für den Himmel aus?“ Diese Frage stellt
einmal ein uns unbekannter Mann Jesus. Ist es so wie in der Fußballbundesliga?
Da wird nach 34 Spieltagen abgerechnet. 2 bis 3 Mannschaften kommen ins
internationale Geschäft, 12 bleiben auch im nächsten Jahr in der Bundesliga und
nur drei steigen ab. Wird es so auch im Himmel sein? Die besonders Frommen
bekommen die besten Plätze, die große Masse darf auch rein und nur ein paar
besonders Böse stehen einmal vor verschlossener Tür?
Oder ist es so wie bei den olympischen Spielen? Da treten oft hundert oder mehr
bei den Wettbewerben an. Doch nur drei stehen am Ende auf dem Treppchen und
bekommen eine Medaille.
Wie viele werden nun eigentlich im Reich Gottes zu finden sein? Jesus gibt dem
Frager zur Antwort: „Ringet darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht.“
Oder nach einer anderen Übersetzung: „Die Tür zum Himmel ist schmal! Ihr müsst
schon alles dransetzen, wenn ihr durch diese Tür hineinkommen wollt.“
Jesus gibt ihm also keine direkte Antwort. Damit wäre dem Fragesteller auch
nicht gedient. Was hätte es ihm genutzt, wenn Jesus ihm vielleicht gesagt hätte:
„Also, etwa 90 Prozent der Erdbevölkerung bleibt einmal draußen und 10 Prozent
kommen in den Himmel.“? Damit wäre seine Neugierde befriedigt, eine theoretische
Frage beantwortet. Aber für sein praktisches Leben hätte eine klare Antwort
nichts gebracht.
Dafür bekommt der Fragesteller von Jesus eine ganz andere, unerwartete und
überraschende Antwort. Ich möchte sie sinngemäß so wiedergeben: „Was geht dich
das ewige Schicksal der anderen an? Frag’ lieber danach, wie es um dein
Verhältnis zu Gott steht! Trachte danach, dass einmal dein Platz im Reich Gottes
besetzt sein wird!“
Auf einmal steht nun der Fragesteller selber auf dem Prüfstand. Auf einmal geht
es um sein Verhältnis zu Gott. Und auf einmal sind wir alle hier ins Spiel
gebracht. Es gilt ja auch uns: „Kämpft darum, dass ihr durch die enge Tür
hindurchkommt.“
Ich stelle mir die Diskussion im Mannschaftsraum vor einem Fußballspiel vor. Die
Spieler fragen ihren Trainer: „Sag mal, was meinst du, wie geht das Spiel aus?
Werden wir gewinnen oder verlieren?“ Kaum ein Trainer wird sich auf
Spekulationen einlassen, sondern er wird seine Spieler anfeuern und sagen:
„Kämpft darum, dass ihr den Ball ins Tor bringt!“ Das Runde muss in das Eckige.
So lautet die Devise im Fußball. Das ist das einzige Ziel, das die Spieler vor
Augen haben, wenn sie gewinnen wollen.
Im Lebensspiel ist es ähnlich. Hier heißt es: Der Mensch muss durch das Eckige.
Beim Fußball muss der Ball ins Tor rollen. Im Lebensspiel geht’s durchs Tor
hindurch.
Kennen Sie den? Da stehen zwei vor dem Himmelstor und wollen hinein, ein Pfarrer
und ein Busfahrer. Nachdem Petrus ihre Daten aufgenommen hat, geht er hinter das
Himmelstor und blättert in einem dicken Buch. Er kommt zurück und sagt: „Ich
habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche wollt ihr zuerst hören?“
„Die Gute“, antworten die beiden. „Also gut“, sagt Petrus. „Der Busfahrer kann
durch die Tür eintreten. Und die schlechte Nachricht lautet: Der Pfarrer bleibt
draußen.“ Der Pfarrer fängt an, sich zu beschweren. Doch es macht keinen Sinn.
Petrus bleibt hart. „Du musst leider draußen bleiben“ bestätigt er nochmals.
„Wenn du gearbeitet hast, haben die Menschen geschlafen. Wenn der Busfahrer
gearbeitet hat, haben sie gebetet.“
Dieser Witz ist an zwei Punkten deckungsgleich mit dem, was Jesus sagt.
Allerdings verbreitet er auch zwei Irrtümer.
Es stimmt, dass am Ende nicht alle drin sein werden. Viele, sagt Jesus, wünschen
sich einmal hineinzukommen und werden es nicht können. Am Ende stehen viele vor
verschlossenen Türen. Wie viele, das sagt Jesus nicht. Aber es werden nicht
wenige sein.
Das Zweite, was stimmt, ist: Am Ende gibt es eine große Überraschung. Der
Busfahrer ist drin, der Pfarrer bleibt draußen. Kann das möglich sein? Oder gibt
es so etwas nur in einem Witz?
Jesus erzählt hier von solchen, die vergeblich an der Tür zum Reich Gottes
anklopfen. Sie werden sagen: „Wir haben vor dir gegessen und getrunken und auf
unseren Straßen hast du gelehrt.“ Aber Jesus wird ihnen antworten: „Ich kenne
euch nicht! Weicht alle von mir, ihr Übeltäter!“ Welch eine böse Überraschung!
Wir können uns eben nicht auf unsere Frömmigkeit und guten Taten verlassen, ob
wir nun Pfarrer, Kirchenvorsteher, Gruppenleiter oder ein treuer
Gottesdienstbesucher sind. Es reicht eben nicht aus, wenn wir sagen: „Wir waren
doch bei dir. Wir waren in den Gottesdiensten, Bibelstunden, Gruppenstunden, bei
den Abendmahlsfeiern. Wir haben dein Wort gehört. Ich habe es sogar anderen
gesagt. Du musst uns doch kennen!“ Jesus kann dann trotzdem antworten: „Ich
kenne euch nicht! Weicht alle von mir, ihr Übeltäter!“
Man kann sich mit seinen frommen Taten falsch beruhigen. Man kann nicht denken:
Wenn ich den Gottesdienst besuche oder gar zum Abendmahl gehe, dann bin ich ein
rechter Christ.
Doch wenn all die vielen Gottesdienste, die ich im Laufe meines Lebens besucht
habe, mich nicht verändert haben, wenn ich immer der Gleiche geblieben bin, dann
wird mir einmal meine ganze Frömmigkeit einmal nichts nützen, dann kennen wir
Jesus trotzdem nicht. Jesus kennen, bedeutet mehr als die Geschichten über ihn
nacherzählen können und seine Worte zu zitieren. Jesus kennen, das heißt enge
Gemeinschaft mit ihm zu haben, ihn zu lieben und sich nach zu richten, was er
sagt.
Die Pfarrer-Busfahrer-Geschichte verbreitet auch zwei große Irrtümer. Der erste
Irrtum: Die beiden stehen erst an der Himmelstür, nachdem sie gestorben sind.
Doch diese Tür erwartet uns nicht erst im Jenseits. Vor dieser Tür stehen wir
jetzt schon. Sie steht ganz weit offen. Seit Jesus am Kreuz gestorben ist, haben
wir freien Zugang zu Gottes Reich. Jetzt schon können wir durch diese Tür
hindurchgehen.
Und der zweite Irrtum: Nicht Petrus steht an der Himmelstür und entscheidet, wer
rein darf oder draußen bleibt. Diese Vollmacht steht allein in den Händen von
Jesus. Er ist der himmlische Hausherr. Er hat die Schlüssel und schließt auf
oder zu. Ja, noch mehr: Er hat nicht nur die Schlüsselgewalt, sondern ist selbst
diese Tür. „Ich bin die Tür“, sagt Jesus. „Wenn jemand durch mich hineingeht,
wird er selig werden.“ Niemand kommt durch eigene Kraft hindurch, sondern allein
durch Jesus. Warum allein durch ihn?
Weil nur er vergeben kann. Nur er hat die Tür zum Himmelreich geöffnet, - durch
sein Leiden und Sterben am Kreuz. Natürlich tun sich durch so eine Aussage eine
Reihe von Fragen auf: Wie ist denn das mit den anderen Religionen? Und mit
denen, die nichts von Jesus gehört haben? Schwere Fragen. Doch zum Glück sind
nicht wir für die Beantwortung zuständig. Das ist allein Gott. Er wird es am
Ende schon richtig machen. Das traue ich ihm zu. Es wird sich bei ihm keiner
beschweren können: Ich bin von dir ungerecht behandelt worden.
Unsere Aufgabe ist eine andere. Wir sollen darum kämpfen, dass wir gerettet
werden. Lassen wir das los, was uns hindert durch die enge Tür, durch Jesus, zu
kommen! Und was ist das, was wir loslassen sollen?
Ich möchte es versuchen, durch eine Gleichnisgeschichte zu erklären: In der
Zeit, als Westberlin noch durch eine Mauer vom Ostteil der Stadt getrennt war,
versuchten trotzdem viele DDR-Bewohner vom kommunistischen Osten in den freien
Westen zu fliehen. Einmal hatten Fluchthelfer aus Westberlin einen Stollen zu
einem Keller in Ostberlin gebuddelt, um Menschen zur Freiheit zu helfen. Der
Leiter der Fluchthelfergruppe kam nun aus dem eigenen Schacht in den
Ostkellerraum gekrochen. Alle warteten nur noch auf das Handzeichen: „Los, mir
nach!“ Er aber deutete auf jenen Koffer, auf jenes Bündel Wertsachen, auf die
dicken Mäntel. „Das alles muss dableiben! Mit dem allen kommen Sie nicht durch!“
Jesus ist der Freiheitshelfer Gottes. Er hat durch sein Leiden und Sterben uns
einen Weg von der Gefangenschaft der Sünde und Schuld in die Freiheit Gottes
geschaffen. Nur, auf diesem Weg kann ich nicht alles mitnehmen: zum Beispiel
meine Selbstgerechtigkeit.
Es kommt keiner durch den engen Schacht, der selbstsicher von sich eingenommen
ist, der sein eigenes Ich hoch achtet und sich selbst gefällt, der aus eigener
Kraft es fertig bringen will, ins Reich Gottes zu kommen. Nur der, der ganz
aufrichtig und ehrlich ist, kommt durch. Nur der, der gemerkt hat: „So, wie ich
bin, passe ich nicht in das Reich Gottes“, kommt in die Freiheit Gottes.
Wenn ich mich so selbst verurteile, dann brauche ich Gnade. Dann kann ich gar
nicht anders rufen als der Zöllner im Tempel: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Wer
so ganz ehrlich rufen kann, der ist durch die enge Pforte hindurch. Wer Gnade
braucht, dem schenkt Gott einen Neuanfang. Dann steht Jesus auf seiner Seite.
Den kennt er.
Als die letzte habsburger Kaiserin Zita im Jahr 1989 im Alter von 97 Jahren
starb, fand ein seltsames altes Hofzeremoniell statt. Sie wurde in der
Kaisergruft der Habsburger begraben. Die Kaiserin hatte zwar einfach und
zurückgezogen gelebt, wurde nun aber mit allem Prunk beerdigt. Der große
Leichenzug gelangte zur Grabstätte. Der Zeremonienmeister klopfte an die Tür.
Der Wächter fragte von innen: „Wer begehrt Einlass?“ Der Zeremonienmeister:
„Zita, die Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn, Königin von Böhmen,
Dalmatien und Kroatien, Großherzogin der Toskana, Herzogin von Lothringen,
Großfürstin von Siebenbürgen, Markgräfin von Mähren, Fürstin von Trient und
Brixen, Prinzessin von Portugal...“ Es werden insgesamt über 50 Titel (!)
aufgezählt.
Der Wächter von innen: „Kenne ich nicht!“
Wieder klopft der Zeremonienmeister an die Tür. Der Wächter von innen: „Wer
begehrt Einlass?“ Der Zeremonienmeister: „Zita, Ihre Majestät, die Kaiserin und
Königin!“ Der Wächter: „Kenne ich nicht!“ Noch einmal klopft es. „Wer begehrt
Einlass?“ – „Zita, ein sterblicher und sündiger Mensch!“ – „So komme sie
herein!“ Und dann öffnen sich die großen Tore zur Kaisergruft in Wien. In diesem
Hofzeremoniell der Habsburger wird deutlich, dass jeder Mensch, auch eine
Kaiserin, mit seinen Titeln und Leistungen sich den Himmel nicht verdienen kann.
Jeder ist ein Sünder und kann nur durch die Gnade Gottes in den Himmel kommen.
Christ werden hat etwas mit Enge zu tun. Jesus spricht hier von einer engen Tür,
durch die man ins Reich Gottes eintreten muss. Es ist also keine gemütliche
Angelegenheit, wenn man ins Reich Gottes gelangen will. Sondern es wird eng. Das
passt dem Menschen von Natur aus nicht. Denn wenn’s eng wird, wird’s auch
ungemütlich. Und man kann protestieren: Das muss man doch alles nicht so eng
sehen! Es reicht doch aus, wenn ich getauft und konfirmiert bin, meine
Kirchensteuer zahle und wieder mal zum Abendmahl gehe.
Jesus sagt hier und an vielen andern Stellen etwas anderes. Man muss loslassen
können, vor allen Dingen alles sich Verlassen auf seine eigene Bravheit und
Frömmigkeit. Wenn man das tut, dann wird man feststellen: Das tut mir ja gut!
Ich werde gar nicht traurig und niedergedrückt sondern ganz froh und frei dabei.
Jesus sagte einmal: Es wird im Himmel Freude sein über einen Sünder, der Buße
tut, über einen Sünder, der zu Gott umkehrt. Und diese himmlische Freude kommt
auch in das Herz des Menschen, der diesen Schritt der Umkehr wagt.
Denn er darf ja nun glauben: Meine Schuld ist mir vergeben. Sie trennt mich
nicht mehr von Gott. Als ein Sünder, der Vergebung erfahren hat, darf ich es
glauben: Ich kenne Jesus, und er kennt mich. Im Gebet darf ich allen Kummer,
alle Sorgen und Schwierigkeiten Jesus Christus sagen, wie einem guten Freund.
Alles, was mich belastet, ist bei ihm am besten aufgehoben. Ich muss mich nicht
mehr selber damit herumplagen sondern darf es bei ihm abgeben und ihm sagen:
Hier hast du es. Es ist nicht mehr meine Last sondern deine. Das gilt für alle
Sorgen und Ängste und auch für alle Schuld.
Wenn ich das tue, werde ich erfahren, dass mir auf einmal ganz leicht ums Herz
werden kann. Christsein geht eben durch die Enge in die Weite, durch die Trauer
über einen selbst zur Freude über Jesus, durch das Erschrockensein über seine
Gottesferne zu einer Geborgenheit in der Nähe Jesu. Gott nimmt mir meine
Selbstgerechtigkeit und schenkt mir dafür eine viel bessere Gerechtigkeit, die
durch den Glauben an Jesus.
Halte dich nur ganz eng an Jesus, dann wirst du nicht erdrückt sondern in die
Weite geführt, in die fröhliche Geborgenheit der Kinder Gottes.
Amen