Liebe Gemeinde!
Warum hast du so große Ohren? Warum hast du so große Augen? Warum hast du so
große Hände? Warum hast du so ein großes Maul? Jedes Kind kennt diese Fragen.
Sie stammen von Rotkäppchen. Immer ängstlicher fragt das Mädchen die
vermeintliche Großmutter. Immer bedrohlicher klingen die Antworten, bis dann
schließlich Rotkäppchen mit Haut und Haaren verschlungen wird. Denn die alte
Dame war keine Großmutter sondern der verkleidete böse Wolf. Rotkäppchen ist ein
Märchen, mit dem man kleine Kinder beeindrucken und erschrecken kann. Erwachsene
wissen, dass wir in Deutschland vor Wölfen keine Angst zu haben brauchen, weil
es sie so gut wie nicht mehr gibt.
Wenn nun Petrus hier in den Worten, die ich eben vorgelesen habe, von dem Teufel
als einem brüllenden Löwen spricht, der einen zu verschlingen droht, so sind wir
zu einer ähnlichen Reaktion versucht. Der Teufel ist in Deutschland so gut wie
ausgestorben. Im Mittelalter gab’s ihn noch, als gehörnte Gestalt mit Pferdefuß
und Mistgabel. In Märchenbüchern lesen wir von ihm. Aber seit den Zeiten der
Aufklärung wird der Teufel als eine Märchenfigur erklärt. Es gäbe ihn nicht, so
wird behauptet. Im Internetlexikon „Wikipedia“ lesen wir: „Aus moderner Sicht
handelt es sich um ein Fabelwesen aus der christlichen und islamischen
Mythologie.“
Und doch spricht die Bibel an den verschiedensten Stellen vom Teufel, im Alten
wie im Neuen Testament. Jesus und die Apostel Paulus, Johannes, Judas und eben
auch Petrus reden von ihm. Sollten sie alle nur in den Vorstellungen ihrer Zeit
gefangen sein? Die biblischen Zeugen klingen anders. Sie reden vom Teufel so,
als ob sie ihn erfahren hätten – in ihrem eigenen Leben.
Und es ist wirklich so. Vieles in unserem Leben und auch in der Weltgeschichte
können wir nur verstehen, wenn wir an die Realität des Teufels glauben. Er ist
sicher nicht das, was man aus ihm gemacht hat, eine Spukgestalt mit Hörnern und
Pferdefuß, oder eine Märchenfigur, die man mit ein bisschen Bauernschläue aufs
Kreuz legen kann. Er ist vielmehr ein hoch intelligenter Geist, seit Urzeiten
ein mächtiger Gegenspieler Gottes. Der Teufel ist auch ein genialer Psychologe,
der die Fehler und Schwächen der Menschen gnadenlos ausnutzt, um sie auf seine
Seite zu ziehen, auf die dunkle Seite.
Es gibt den Satan, auf deutsch „den Widersacher“, den großen Gegner Gottes. Er
ist das Böse in Person, der alle guten Pläne Gottes durchkreuzen und kaputt
machen will. Im Lutherlied ein „Ein feste Burg ist unser Gott“ heißt es von ihm:
„Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist.“
Es gibt eben nicht nur eine sichtbare sondern auch eine unsichtbare Welt, die
uns umgibt. Es gibt unsichtbare Kräfte und Mächte, die uns beeinflussen, gute
und eben auch böse. Alle Grausamkeiten und bestialische Taten, zu denen Menschen
fähig sind, kann ich nicht nur psychologisch erklären. Um das Böse im Menschen
zu verstehen, muss ich auch den Bösen, den Teufel, in Betracht ziehen.
Die deutsche Sprache redet auch davon, dass es Mächte gibt, die unser Tun und
Lassen beeinflussen. So sagen wir zum Beispiel: „Wut packt uns“, oder: „Angst
überkommt mich“ oder: „Er war nicht mehr Herr seiner Sinne.“
Psychologen und Mediziner bemühen sich redlich, solche Phänomene wie Süchte oder
übermäßige Aggressivität durch organische Ursachen oder äußere Ereignisse zu
erklären. Und das ist auch gut so. Der Mensch besteht ja aus Körper und Seele
und wird auch beeinflusst durch Erziehung oder andere Menschen und prägende
Ereignisse in seinem Leben. Aber er ist eben auch Geist, durch den die
unsichtbare Wirklichkeit Gottes und des Teufels Zugang zu einem hat. Deswegen
hat Luther recht, wenn er sagt, dass der Mensch einem Reittier zu vergleichen
ist. Entweder reitet mich Gott oder der Teufel. Eine dritte Möglichkeit gibt es
nicht.
In einem Lied heißt es: „Alle Leute sagen, es gäbe keinen Teufel. Kannst du mir
sagen, wo die Angst herkommt in der Nacht, wenn es klingelt an der Tür? ...
Kannst du mir sagen, wo die Sucht herkommt nach dem Rausch, dem Vergessen, nach
dem Geld?... Kannst du mir sagen, wo die Hast herkommt, die jeden Tag mein Leben
bestimmt?“
Der Sänger nennt hier drei Beispiele, die mit dem Teufel zu tun haben: die
Angst, die Sucht und die Hast.
Die Angst gehört zum Menschen dazu. Sie schützt uns vor unüberlegten Taten. Ein
Mensch ohne Angst würde wohl nicht lange leben, weil er eine Gefahr nicht
richtig einschätzen kann. Aber Angst hat auch eine dunkle Seite. Sie kann einen
nicht mehr schlafen lassen, kann einen Menschen körperlich wie seelisch zu einem
Wrack machen. Bezeichnenderweise taucht die Angst in ihrer unheimlichsten Form
dort auf, wo jemand sich mit Okkultismus und Spiritismus einlässt. Gerade junge
Leute halten es für einen coolen Zeitvertreib, für ein Spiel, wenn sie sich mit
dem Okkulten einlassen. Doch aus dem Spiel kann sehr schnell Ernst werden.
Ich denke an ehemalige Konfirmandinnen. Auf der Konfirmandenfreizeit probierten
sie das Spiel mit dem Okkulten aus: Pendeln. Das Ergebnis: Angsterfüllt saßen
sie in ihrem Zimmer. Das Spiel wurde zum Ernst.
In einer neunten Klasse erzählten mir die Schüler von ihren Erlebnissen mit dem
Gläserrücken. Das Ergebnis: Es kam zu unerklärlichen, unheimlichen
Begebenheiten, so dass die Jugendlichen verstört ihr Experiment mit dem Okkulten
abbrachen. Wenigstens haben sie es gemerkt, auf was sie sich eingelassen hatten.
In Horrorfilmen, so genannten Jugendzeitschriften und okkulter Rockmusik
begegnen heute junge Leute einer Dimension, von der frühere Generationen nur vom
Hörensagen wussten. Ich meine: Viele Angststörungen hängen mit der Beschäftigung
mit Gläserrücken, Pendeln, Wahrsagerei, Astrologie und anderen Formen des
Aberglaubens zusammen.
Eine zweite unheimliche Zeiterscheinung ist die Sucht. Es scheint so, als ob die
Zahl der Süchtigen immer mehr zunimmt. Die Sucht hat viele Gesichter. Von
Alkohol, Zigaretten und Drogen sind unzählige Menschen abhängig. Andere
verspüren in sich einen unbezwingbaren Drang zum Einkaufen, zum Glücksspiel oder
immer mehr und mehr zu arbeiten. Die modernen Medien haben ein Millionenheer von
Süchtigen geschaffen. Fernsehen und Computer und Internet sind keine Erfindungen
des Teufels. Aber es sind sicherlich Viele durch diese Medien in die Fänge das
Satans geraten.
Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn man vergisst, dass all diese Geräte
einen Ausschalteknopf besitzen. Stundenlanges Fernsehschauen, Computerspielen
oder Surfen im Internet stiehlt mir nicht nur Zeit sondern macht mich auch hohl
und leer. Die Zahl der Pornosüchtigen ist durch das Internet sprunghaft
gestiegen. Die Anonymität, die durch dieses Medium möglich ist, hat diese Sucht
gefördert. Nicht nur Männer ohne Partnerin sind von Pornos abhängig, auch
Verheiratete und auch schon Kinder.
Jugendliche und immer mehr auch junge Erwachsene tauchen in die Scheinwelt der
„Cyberworld“ ein. Stunden- manchmal sogar tagelang bis zur Erschöpfung spielen
sie im Internet Rollenspiele, ob es das „Second Life“ ist, wo man sich eine
virtuelle zweite Existenz schaffen kann, mit einem anderen Beruf, anderen
Freunden, aber nur im Internet, oder ob es das Fantasyspiel „World of Warcraft“
ist. Es gibt Menschen, die verbringen ihre Freizeit nur noch mit diesem Spiel.
Alle sozialen Kontakte haben sie abgebrochen. Nach der Arbeit, von 5 Uhr
Nachmittag bis 2 Uhr Nacht wird „World of Warcraft“ gespielt. Manche haben auch
ihr Studium abgebrochen, weil sie diesem Spiel verfallen sind. Jemand, der ein
Fan dieses Spieles ist, bekennt freimütig: „Wir begrüßen uns im Internet häufig
scherzhaft: ‚Hallo Süchtige!’ Und darin steckt definitiv mehr als ein Körnchen
Wahrheit.“
Und schließlich die dritte unheimliche Zeiterscheinung: die Hast. Es gibt ja so
viel zu tun und der Tag hat nur 24 Stunden. Die Arbeit fordert einen voll und
ganz. Viele Berufstätige müssen in immer kürzerer Zeit immer mehr leisten.
Spätestens seit es das G 8 gibt, haben auch Schüler einen strammen Arbeitstag.
Zu hause geht der Stress weiter. Der Haushalt und das Privatleben muss ja auch
organisiert werden. Und die kostbare Freizeit will man ja auch mal für schöne
Dinge ausnutzen. Da ein neuer Kinofilm, dort ein tolles Event, mal Essen gehen,
und am Wochenende schnell ein Kurztrip irgendwohin. Freizeit kann auch ganz
schön anstrengend sein.
Und das Dämonische bei der Hast ist: Man kommt gar nicht mehr zur Ruhe, zu sich
selbst, zum anderen und vor allen Dingen nicht mehr zu Gott. Dann hat der Teufel
sein Ziel erreicht, wenn er uns von Gott weggebracht hat, wenn wir nicht mehr an
unseren Schöpfer denken, ihn einfach vergessen haben, ganz und gar in unserer
Scheinwelt aufgehen.
Aber was können wir denn tun, wenn wir gemerkt haben, dass uns eine unheimliche
Angst, eine Sucht oder die Hast in ihren Bann geschlagen hat? Oftmals starren
wir auf das, was uns fesselt und nicht gut tut, wie das Karnickel auf die
Schlange und können uns ihrem hypnotisierenden Blick nicht entwinden. Wir alle
kennen wohl diese Erfahrung. Der Apostel Paulus hat sie in die Worte gefasst:
„Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht
will, das tue ich.“ Aber Paulus kennt auch den, der die Macht des Bösen in
unserem Leben brechen kann: Jesus Christus. An ihn dürfen wir uns wenden, im
Gebet, und wenn es nur der kurze Satz ist: „Jesus, hilf mir!“ Das ist das Beste,
was wir tun können. Denn er hat von Gott alle Macht im Himmel und auf Erden
übertragen bekommen. Er ist auch stärker als alle dunklen Mächte, die uns
gefangen nehmen wollen oder es schon getan haben. Er, nicht wir, wird mit ihnen
fertig.
Sein ganzes Leben war von dem Kampf gegen die Macht des Bösen geprägt. Einmal
schleicht sich Satan in der Wüste in die Gedanken von Jesus und will ihn auf die
dunkle Seite ziehen. Doch er schafft es nicht. Der Sohn Gottes ist stärker und
widersteht den verlockenden Angeboten des Teufels. Als Jesus am Kreuz hängt und
stirbt, da scheint es Satan geschafft zu haben, Jesus aus dem Weg zu räumen. An
Karfreitag jubelt der Teufel. Jesus ist tot und begraben. Der Teufel ist schon
in Partystimmung. Aber er hat nur für kurze Zeit die Oberhand. An Ostern tritt
das Unfassbare und Fantastische ein: Jesus besiegt den Tod und wird wieder
lebendig. Sein Tod am Kreuz war nur scheinbar ein großer Sieg Satans.
Stattdessen war das Geschehen auf dem Hügel Golgatha seine größte Niederlage.
Dort wurde der Teufel endgültig besiegt.
Genauer gesagt: Er wurde tödlich verwundet. Aber er kann noch handeln. Er hat
noch nicht ganz ausgespielt. Doch wer mit ihm zu tun hat, darf wissen: Er kämpft
mit einem Feind, der schon verloren hat. Ein „Zauberwort“ kann ihn besiegen: Es
ist das Wort „Jesus“.
Nur wenn wir ihn im Kampf mit finsteren Mächten ins Spiel bringen, haben wir
eine Chance. „Mit unserer Macht ist nichts getan. Wir sind gar bald verloren. Es
streit für uns der rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren.“ Heißt es in dem
Lutherlied. Dieser Jesus Christus kann den Bann brechen, in dem wir oft –
unfähig zum Widerstand – unseren Ängsten, Süchten und der Hektik unsres Lebens
ausgeliefert sind.
Manche kennen ja diese Geschichte: Ein Kind entdeckte auf einem belebten Platz
einen finster aussehenden Mann. Der Mann blickte das Kind an. Da blieb es wie
von der Angst gefesselt stehen und konnte sich nicht lösen. Das entdeckte ein
Dritter. Er trat zwischen den Mann und das Kind. Jetzt konnte das Kind wieder
frei atmen.
Für uns ist Jesus Christus der Mann, der zwischen uns und allen Mächten der
Finsternis tritt, uns aus ihrem faszinierenden oder erschreckenden Bann lösen
und uns befreien kann.
So hat es auch ein Pfarrer Blumhardt erlebt, der vor 150 Jahren in einem Dorf im
Schwarzwald wirkte. Er besuchte oft eine junge Frau, die körperlich und seelisch
krank war. Es ging ihm auf: Bei dieser Frau ging es nicht mit rechten Dingen zu.
Es waren noch andere, dunkle Mächte im Spiel. Da betete er: „Jetzt haben wir
lange genug gesehen, was der Teufel kann, jetzt wollen wir endlich einmal sehen,
was Jesus kann.“ Nach diesem Gebet ging es der jungen Frau besser. Da wusste
Blumhardt, dass er auf der richtigen Spur und auf dem richtigen Weg war. Immer
wieder, jahrelang, betete er für diese Frau, bis sie schließlich wieder
vollständig gesund wurde. Er durfte erleben: Jesus ist Sieger, mächtiger als
alle anderen Mächte.
So dürfen wir es heute noch erleben. Vielleicht haben wir auch schon lange Zeit
erleben müssen, was der Teufel in unserem Leben fertig bringen kann. Dann dürfen
wir auch wie dieser Blumhardt beten: „Jetzt möchte ich endlich einmal sehen, was
Jesus kann.“ Wenn du dieses Gebet im Glauben sprichst, wird es sicherlich in
deinem Leben zu Veränderungen kommen und zur Freiheit von dunklen Mächten.
Ein Student der Theologie hatte als Prüfungsarbeit über das Thema zu schreiben:
„Der Gedanke der Allmacht Gottes und die Wirklichkeit des Teufels.“ Vier Stunden
standen ihm zur Verfügung. Der Student schrieb und schrieb. Er schrieb von der
Allmacht Gottes, von seiner Größe, von seiner Liebe, von seiner Barmherzigkeit,
ohne rechtzeitig ans Ende zu kommen. Die Zeit war um, und er hatte noch kein
Wort über den Teufel geschrieben. So schloss er seinen Aufsatz einfach mit den
Worten: „Keine Zeit für den Teufel.“
Was die Professoren davon gehalten haben, weiß ich nicht. Mir aber hat dieser
Schluss viel zu sagen. Wer sich in seinem Leben mit dem beschäftigt, was Gott
getan hat, mit seiner Liebe und seiner Allmacht, wer immer wieder über das
nachdenkt und dafür dankt, was Jesus für ihn getan hat, wie er am Kreuz alle
teuflischen Mächte besiegt hat, wie er doch alle Macht im Himmel und auf der
Erde hat, wer an ihn glauben und das tun, will, was ihm gefällt, der hat für das
Böse keine Zeit mehr. Es verliert immer mehr an Einfluss, es verhungert.
Auch du kannst erfahren: Jesus ist stärker als alles, was dein Leben zerstören
und kaputt machen will.
Amen