Liebe Gemeinde!
Ein Pfarrer unterhält sich mit einem Gemeindeglied, einem jungen Mann. Er ist
gerade zur Bundeswehr eingezogen worden. „Nun, wie es dir ergangen?“ erkundigt
sich der Pfarrer. „Du betest doch, du liest in der Bibel, du glaubst an Jesus.
Hat sich deswegen schon mal jemand deiner Kameraden lustig gemacht?“ Der junge
Mann lächelt: „Nein, nein, ging alles gut. Bis jetzt hat noch niemand etwas
davon gemerkt, dass ich an Jesus glaube.“
Ist das wirklich gut, wenn keiner merkt, dass ich ein Christ bin? Nein, es ist
nicht gut. Es ist eher eine Schande. Es ist ein Zeichen von Schwäche, sich nicht
zu dem zu bekennen, wofür man steht.
Das war auch Petrus klar, nachdem er dreimal im Hof des Hohenpriesters Kaiphas
es abstritt, Jesus zu kennen. Der Jünger Jesu wusste ganz genau: Er hatte ganz
einfach dreimal gelogen. Denn er kannte Jesus, kannte ihn sogar sehr genau.
Kaum ein anderer kannte ihn besser als er. Unvergesslich für ihn war der Tag, an
dem sie sich begegneten. Unvergesslich die Worte, die Jesus zu ihm, dem Fischer,
sprach: „Fahr mit deinem Boot noch einmal raus auf den See und wirf dein Netz
aus!“ Petrus gehorchte und machte den Fang seines Lebens. So viel Fische hatte
er noch nie in seinem Leben gefangen. Unauslöschlich brannten sich auch die
Worte in sein Gedächtnis ein: „Von nun an wirst du Menschenfischer sein.“ Petrus
gab nach diesem Erlebnis seinen Beruf als Fischer auf und folgte Jesus auf
Schritt und Schritt. Eine faszinierendere Persönlichkeit als den Rabbi aus
Nazareth gab es nicht, das spürte Petrus sehr schnell. Ein Wort von ihm – und
ein tobender Sturm hörte einfach auf. Ein Wort - und Kranke wurden wieder
gesund, Tote standen auf und Menschen konnten glauben, dass ihre Schuld sie nun
nicht mehr von Gott trennte. In Petrus reifte die Gewissheit: Dieser Mann ist
mehr als ein gewöhnlicher Mensch. Dieser Jesus ist der Sohn Gottes.
Weißt du es auch schon? Wenn du Jesus noch nicht kennst, dann möchte ich dir
einen guten Ratschlag geben: Diese Gottesdienste sind ja dazu da, Jesus kennen
zu lernen. Und er begegnet dir tatsächlich in dem, was du hier hörst. Du
brauchst nur gut zuhören. Wenn du das unvoreingenommen tust, dann wirst du ihn
kennen lernen, früher oder später. Dann wird er dir begegnen. Darauf kann ich
dir die Garantie geben. Denn so ging es jedem, der Jesus kennen lernte. Er
begegnete ihm in seinem Wort der Bibel oder in einer Predigt.
Und nun kam es zur Katastrophe im Leben von Petrus. Er kannte zwar Jesus, aber
er kannte nicht sich selbst. Beim Abendmahl, wenige Stunden vor dieser Szene im
Hof des Hohenpriesters Kaiphas, da war er von seiner Stärke überzeugt. „Und wenn
alle dich im Stich lassen“, so tönte er großspurig, „ich bleibe dir treu. Ich
werde sogar mit dir in den Tod gehen.“ Doch Jesus kannte ihn besser und sagte
ihm voraus: „Noch heute wirst du dreimal geleugnet haben, mich zu kennen.“
Und so kam es auch. Ein Draufgänger war er schon, der Petrus. Im Garten
Gethsemane ging er mit dem Schwert auf die los, die Jesus verhafteten. Und jetzt
wagt er sich sogar in die Nähe des Ortes, an dem man Jesus verhörte. So viel
Mumm besaß kein anderer Jünger. Doch nun kam es so, wie es kommen musste: Im
Lichte des Feuers, das im Hofe brannte, erkennt ihn zunächst eine Magd, dann
noch zwei andere Männer. Und jedes Mal leugnet Petrus, Jesus zu kennen.
Im entscheidenden Moment versagt er. Er befand sich ja auch in einer
gefährlichen Situation. Wenn er sich zu Jesus bekennt, dann hätte man ihn auch
schnell verhaften können. Die Angst war stärker als seine guten Vorsätze, sich
zu Jesus zu bekennen.
Uns kann es ja ganz ähnlich ergehen. Wir sitzen in einer Gaststätte oder in der
Mensa und wagen es nicht, vor dem Essen die Hände zu falten und ein Gebet zu
sprechen, aus Angst uns in der Öffentlichkeit lächerlich zu machen. Wir wollten
schon lange einmal einen Bekannten zum Gottesdienst einladen, doch als eine
günstige Gelegenheit dazu kommt, tun wir es doch nicht. Dabei leben wir nicht in
der Zeit der ersten Christen, als es oft lebensgefährlich war, sich zu Jesus zu
bekennen. Wir müssen ja nur damit rechnen, spöttisch angeschaut zu werden, oder
ein paar dumme Bemerkungen zu hören, oder verächtlich behandelt zu werden. Mehr
kann uns nicht passieren.
Und doch bekommen viele Christen arge Bauchschmerzen, wenn sie darauf hin
angesprochen werden, ihren Glauben zu bekennen. Woher kommen diese
Bauchschmerzen? Da spielt die Angst mit, etwas falsch zu machen, ungeschickt zu
argumentieren und den anderen eher zu verprellen als zu gewinnen. Diese Angst
kommt auch aus der Scheu, den anderen in intimen Dingen, und dazu gehört ja
zweifellos der Glaube, zu nahe zu treten. Und schließlich ist es ganz einfach
die Trägheit und Feigheit, die keine Lust hat oder sich nicht traut,
Gelegenheiten zum Bekennen zu nutzen.
Jedes mal, wenn wir unseren Glauben nicht bekennen, haben wir ein schlechtes
Gewissen. Es kann uns danach wie Petrus sogar hundeelend zumute sein. Ich kenne
das sehr gut, und viele unter uns sicher auch. Doch ich kenne auch das andere,
wie mir zumute war, wenn ich nicht feige war, sondern mich zu meinem Glauben
bekannt habe.
Als Jugendlicher habe ich in meiner Schule Plakate für eine christliche
Veranstaltung aufgehängt. Dies ging nur in der Pause. Es kostete mich schon
Überwindung dies zu tun. Denn das Schwarze Brett hing in der Pausenhalle.
Duzende oder gar hunderte von Schülern konnten mich beobachten, was ich da tat:
Ein Plakat für eine fromme Veranstaltung aufhängen. Aber ich tat es trotzdem,
weil es mir wichtig war. Eines Tages, ich hatte wieder einmal so ein Plakat
aufgemacht, sprach mich deshalb im Klassenzimmer ein Klassenkamerad spöttisch
an. Aber ganz merkwürdig: Es machte mir nichts aus. Ganz im Gegenteil. Ich
konnte mich sogar freuen, dass ich mich zu Jesus bekannt habe. Diese Freude kam
gewiss nicht aus mir selbst. Sondern Jesus hat sie mir gegeben.
Wenn wir unseren Glauben bekennen, dann mag das uns ungenehm vorkommen. Es gibt
nämlich jemand, der möchte uns am liebsten den Mund zubinden. Er will, dass wir
schweigen, wenn wir unseren Glauben bekennen sollen. Das ist der Teufel. Doch
wenn wir zu unserem Glauben stehen, freut sich der Himmel. Und diese Freude
schlägt auch immer wieder in unser Herz. Wir brauchen keine Angst zu haben,
sondern dürfen eher stolz darauf sein, wenn wir uns zu unserem Herrn bekennen
dürfen. Es handelt sich schließlich nicht um irgendjemand, sondern um den Herrn
der ganzen Welt.
Versteck doch deinen Glauben nicht. Er ist nichts Hässliches, dessen wir uns
schämen müssen, sondern etwas sehr Schönes, auf das wir stolz sein können. Er
ist auch nicht eine kulturelle Besonderheit von ein paar besonders frommen
Leuten, eine Besonderheit, die so belanglos ist, dass man am besten darüber
schweigt. Nein, dieser Glaube so wichtig, dass er unter die Leute gehört.
Sich zu seinem Glauben an Jesus bekennen, das ist nichts Unwichtiges sondern
etwas sehr Entscheidendes. Nur so, wenn wir anderen unseren Glauben nicht
verschweigen, können sie ja etwas von Jesus erfahren.
Warum sitzen wir denn heute hier und nicht zu hause vor dem Fernseher, Im Kino
oder im Lokal? Doch nicht deshalb, weil es hier in der Nikodemuskirche so
gemütlich wäre. Sondern weil uns jemand irgendwann einmal in unserem Leben von
seinem Glauben erzählt hat. Vielleicht war es ein Pfarrer oder ein
Gruppenleiter, eine Kindergottesdiensthelferin oder eine Religionslehrerin,
unsere Eltern oder Großeltern. Unser Christsein verdanken wir nicht uns selbst,
sondern anderen, die ihren Glauben bekannt haben. Was ihnen wichtig geworden
ist, haben sie, wie auch immer, an uns weitergegeben, und wenn sie uns „nur“ wie
vielleicht heute abend zu einemGottesdienst eingeladen haben. Wenn nicht immer
wieder im Laufe der Jahrhunderte Menschen ihren Glauben an Jesus weitergegeben
hätten, dann wären die Christen schon längst ausgestorben.
Also raus mit der Sprache und schweige nicht, wenn es darum geht, deinen Glauben
zu bekennen. Klar, es gibt auch die unpassenden Chancen, z .B. wenn das
Verhältnis zum Anderen gespannt ist oder sich einer deutlich ablehnend, vor
allen Dingen spöttisch verhält. Wir brauchen nicht das, was uns heilig ist, den
Menschen nachwerfen, die es nicht achten.
Aber es gibt doch immer wieder passende Gelegenheiten, wenn es zum Beispiel in
einem Gespräch um religiöse Dinge geht, oder wenn ein Bekannter in einer
Lebenskrise steckt, oder wenn es darum geht, jemand zu einer christlichen
Veranstaltung einzuladen. Wir sollen dann keine kontroverse Diskussion vom
Stapel brechen und auch unser Gegenüber nach Möglichkeit nicht angreifen.
Dadurch erzeugen wir in der Regel nur eine Abwehrhaltung. Am besten wirkt es,
wenn wir von uns selber erzählen, was uns geholfen hat.
Neben den unpassenden und passenden gibt es auch die verpassten Chancen, sich zu
Jesus zu bekennen. Es ist bitter, wenn man merkt, in dieser Situation hätte ich
reden sollen, und ich habe es nicht getan. Jeder Christ kennt solche verpassten
Chancen und kann sich danach nur schämen und schuldig geben, dass er es nicht
gewagt hat, sich zu seinem Glauben zu bekennen. Auch Petrus erging es so. Der
Hahn krähte. Jesus dreht sich um und sah seinen Jünger an. Es steht nicht da,
wie dieser Blick aussah. Ich glaube nicht, dass es ein vorwurfsvoller Blick war.
Jesus wusste ja, dass Petrus ihn verleugnen würde. Ich meine, es war ein Blick
voller Liebe und Verständnis. Dieser Blick wird Petrus durch und durch gegangen
sein. Da ging ihm auf: Jesus kennt mich doch besser als ich mich. Da fiel ihm
wieder ein, was Jesus ihm wenige Stunden vorher gesagt hatte: „Noch ehe morgen
früh der Hahn kräht, wirst du dreimal geleugnet haben, dass du mich jemals
gesehen hast.“ Daraufhin verließ Petrus den Hof und weinte hemmungslos.
Mir diesen Worten endet unser Predigttext. Aber wie wir wohl wissen, geht die
Geschichte mit Petrus weiter. Petrus hat sich zwar nicht zu Jesus bekannt aber
Jesus zu Petrus. Auch einen Versager kann er gebrauchen, gerade einen Versager
wie Petrus und auch dich und mich. Jesus vergab dem Petrus und gebrauchte ihn
nach diesem Erlebnis im Hof vom Hohepriester Kaiphas in ganz besonderer Weise.
Dreimal hat Petrus Jesus verleugnet. Dreimal fragt Jesus seinen Jünger nach der
Auferstehung: „Hast du mich lieb?“ Und dreimal antwortet Petrus: „Ja, Herr!“
Jesus hatte ihm vergeben. Der Jünger hatte die vergebende Liebe des Sohnes
Gottes erfahren. Deshalb konnte er auch von ganzem Herzen sagen: Ja, Herr, ich
habe dich lieb. – Denn du hast mich ja auch lieb, trotz meiner Sünde und Schuld.
Du stößt mich nicht weg. Und dafür möchte ich dir dankbar sein.
Petrus hatte diese Liebe zu Jesus. Und wir können sie auch haben. Wer weiß, dass
zwischen ihm und Jesus keine Schuld mehr steht, dann hat er Liebe zu. Diese
Gewissheit kann auch dir heute geschenkt oder neu gestärkt werden. Im Abendmahl
dürfen wir gewissermaßen zu Jesus kommen – mit unserer Schuld, und er kommt zu
uns – mit seiner vergebenden Liebe. Du darfst es wirklich glauben: Jetzt, in der
Beichte, kommt Jesus mit seiner Liebe auch zu dir, gerade dann, wenn du denkst:
Ich bin unmöglich, ich habe so oft versagt, habe mich nicht zu Jesus bekannt,
sondern meinen Glauben verleugnet. Gerade dann gilt dir diese Liebe, denn gerade
dann hast du sie besonders nötig.
Wer Vergebung erfahren hat, in dessen Leben ist nun auch die Liebe Jesu. Der
kann dann auch in rechter Weise seinen Glauben bekennen. Diese Liebe ist, auch
wenn sie nichts sagt, allein durch ihr Tun einladend. Diese Liebe bittet um
passende Gelegenheiten, sie gibt mir den Blick für diese Gelegenheiten, sie
öffnet mir den Mund, die Liebe verletzt nicht sondern ist gewinnend; die Liebe
akzeptiert, wenn der andere von Jesus nichts wissen will.
Nun kann natürlich einer sagen: Diese Liebe habe ich gerade nicht! Aber das
stimmt nicht! Wenn du Jesus kennst, wenn dir deine Sünden vergeben sind, wenn du
ein wiedergeborenes Gotteskind bist, dann hast du diese Liebe. Denn dann hast du
doch Jesus Christus, der in dir mit seiner Liebe wohnt, ja der diese Liebe ist!
Du brauchst nicht auf deine eigenen Kräfte zu sehen, auf deine mangelnde Liebe,
auf deine Ungeschicklichkeit. Gott hat dir seinen Geist des Mutes, der Kraft,
der Liebe und der Besonnenheit gegeben. Er hat! Deshalb kann dir Gott auch
zumuten, deinen Glauben zu bekennen. Du kannst es.
So hat es ja auch Petrus erlebt, an Pfingsten. An diesem Tag hat Jesus ihm
zugemutet, die schützenden Mauern seines Versteckes zu verlassen, sich
hinauszubegeben auf die Plätze der Stadt und zu predigen. Eine Zumutung! Er
hätte ja, wie wenige Wochen vorher, dort im Hof des Hohenpriesters Kaiphas, auf
der Stelle verhaftet oder gelyncht werden können. Aber Petrus hielt seine
Predigt, im Vertrauen auf den Geist Gottes. Und Gott segnete. Viele, viele kamen
durch die Pfingstpredigt des Petrus zum Glauben.
Nun mutet Gott wohl keinem unter uns zu, ein Straßenprediger zu sein. Bei dem
Gedanken wäre mir selber mulmig zumute. Aber da, wo Gott dich hingestellt hat,
kann er auch von uns erwarten, unseren Glauben zu bekennen. Tu es, und du wirst
sehen, du kannst es.
Amen