Liebe Gemeinde!
Glauben Sie an Engel? Ich meine jetzt nicht die Ehefrauen unter uns, erst
recht nicht die „Drei Engel für Charlie“ aus dem Fernsehen und im Kino. Sondern
ich rede von Engeln, den Boten Gottes. Engel, die in seinem Auftrag handeln,
Engel, durch die Gott Menschen beschützt. Gibt es wirklich Engel? Oder gehören
sie in die Märchenbücher, in Fantasy-Romane oder Kinofilme wie „Stadt der Engel“
oder „Himmel über Berlin“?
Die Antwort der Bibel ist eindeutig. Es gibt keinen engellosen Gott. Unzählige
Geschichten berichten von Engeln. Sie gehören zu Gottes Reich dazu, so wie auch
zu einem Land Soldaten, Botschafter und Geheimdienstagenten dazugehören. Eine
Geschichte aus der Bibel könnte durchaus dem Agentenmilieu entstammen. Es geht
in ihr um die Befreiung aus einer hoffnungslosen Lage. Aber der Retter ist nicht
ein Agent a la James Bond sondern ein Engel.
Wir hören dazu den Predigttext aus Apostelgeschichte 12, Vers 1 bis 11.
(vorlesen)
Eine aussichtslose Lage, aussichtsloser geht’s gar nicht. Da ist jemand zum Tode
verurteilt. Am nächsten Tag soll die Hinrichtung vollzogen werden. Er sitzt im
Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses, mit Ketten gefesselt. 16 Soldaten
bewachen ihn rund um die Uhr, zwei davon weichen nicht von seiner Seite. Und
doch kam er frei, weil Gott es so wollte. Gott wollte nicht, dass Petrus, der
Anführer der christlichen Gemeinde in Jerusalem, hingerichtet werden soll.
Petrus sollte sterben, weil er ein Christ war. Hier in Deutschland sind solche
brutalen Methoden, mit Christen umzugehen, außer Mode gekommen. Keiner muss
befürchten, zu sterben, weil er an Jesus glaubt.
Aber wir wollen nicht vergessen, dass wir hier in unserem Land in einer sehr
bevorzugten Lage sind. Christenverfolgungen gab es nicht nur in der Bibel oder
zu der Zeit der Römer. Sie finden auch heute noch statt, im 21. Jahrhundert.
Über 100.000 Menschen sterben weltweit pro Jahr, weil sie Christen sind, im
Sudan, in Indonesien oder in China, um nur einige Länder zu nennen.
Diese Tatsachen werden in den Medien oft totgeschwiegen. Vielleicht interessiert
die Öffentlichkeit das Thema „Christenverfolgung“ nicht. Vielleicht interessiert
es auch manche von uns nicht. Aber ich rede trotzdem davon. Denn es ist wichtig,
davon zu hören, dass es Menschen gibt, die wegen ihres Glaubens an Jesus leiden
müssen. Und noch wichtiger ist es, für sie beten. Vielleicht haben wir so ein
Gebet in naher oder ferner Zukunft ja auch einmal nötig. Der Wind, der den
Christen um die Ohren bläst, ist auch in unserem Land rauer geworden. Und es
kann durchaus einmal die Situation kommen, in der es auch in Deutschland etwas
kostet, sich zu Jesus zu bekennen.
Auch wenn es jetzt noch nicht so weit ist, so steht trotzdem fest: Christsein
hat seinen Preis, immer. Als Christ geht es mir nicht immer gut. Sondern es
kommen auch schwere Zeiten auf einen zu. Das Irritierende bei solchen
Erfahrungen ist: Man kann anscheinend das Gleiche erleben, wie einer, der nicht
glaubt. Da kennt man auch Prüfungsstress, schlechte Noten, das Klassenziel nicht
erreichen, Arbeitslosigkeit, Liebeskummer, Einsamkeit, Probleme mit Eltern,
Kindern und Geschwistern, Krankheit, immer unter Druck sein in der Arbeit, aber
auch schon an der Uni und in der Schule. Da kann bei einem schon der Zweifel
hochkommen: „Ja, fragt denn Gott nicht nach mir? Ist es denn egal, ob ich glaube
oder nicht?
Auch in unserer Geschichte hat es den Anschein, als ob Gott wegschaut, wenn
Leute, die ihm doch besonders nahe stehen, leiden. Der Apostel Jakobus, Bruder
des Jüngers und Evangelisten Johannes wird verhaftet und hingerichtet. Es steht
hier nicht da, warum Gott dieses schreckliche Geschehen zugelassen hat. Er ist
auch niemandem Rechenschaft schuldig. Gott hat seine Pläne, die oft unseren
Verstand übersteigen. Er mutet denen, die an ihn glauben, oftmals viel zu. Aber
wir können sicher sein: Es ist nie zu viel, auch wenn es das Leben kostet. Und
es ist nie sinnlos: Hinter allem steht Gottes guter Plan.
Christen sind auch nie einer Situation hilflos ausgeliefert. Sie können sich an
den wenden, der über 1000 Möglichkeiten verfügt, eine scheinbar aussichtslose
Situation doch noch zu verändern. Wenn nichts mehr geht, so kann Gott doch noch
eingreifen.
Er möchte, dass wir ihm dies auch abnehmen, dass wir ihm auch in den schlimmsten
Lagen vertrauen und ihn um Hilfe anrufen. So machten es auch die ersten Christen
in Jerusalem. Unaufhörlich beteten sie für Petrus zu Gott. Wer betet, nicht nur
für sich sondern auch für andere, wird erfahren, dass auf einmal Gottes Allmacht
aktiv wird. Er wird immer wieder Erstaunliches erleben, was er nicht für möglich
gehalten hat. Dem Gebet hat Gott viele Versprechen gegeben. Schon im Alten
Testament lesen wir in den Psalmen: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich
erretten und du sollst mich preisen.“ Und Jesus hat seine Jünger aufgefordert:
„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird
euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet;
und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ Diesen Ratschlag hatten die Christen in
Jerusalem sicher gekannt und beherzigt. Sie beteten, was das Zeug hielt, für
Petrus.
Mach’s doch auch so, in deiner Not, in der du gerade drin steckst, und gib nicht
so früh auf. Sei nicht zu anspruchslos für dein Leben. Denke nicht: Ach, da kann
man nichts machen. Das stimmt nicht. Beten kann man. Du wirst nicht immer das
bekommen, was du dir wünschst. Aber Gott wird auf ein gläubiges Gebet hin
eingreifen. Er lässt dich nicht im Stich. Wenn du an Jesus glaubst, wenn du ein
Kind Gottes bist, das die Vergebung seiner Sünden erfahren hat, dann liegt dein
Leben in Gottes Hand. Dann bist du kein Spielball von irgendwelchen Menschen,
irgendeinem Schicksals oder von deinen eigenen Süchten und Abhängigkeiten.
So durfte es auch Petrus erfahren. Gott handelt. Er greift ein mit einem
doppelten Wunder. Zum einen gibt er Petrus eine „himmlische Ruhe“. Man stelle
sich vor: Dieser Mann wartet auf seine Hinrichtung und kann doch tief schlafen,
so tief, dass ein Engel ihm kräftig in die Seite stoßen musste, um ihn
aufzuwecken. Wenn so eine innere Ruhe kein Wunder ist! Wir können ja schon
durchdrehen, wenn eine Prüfung uns bevorsteht, oder wir am nächsten Tag in den
Urlaub fahren oder der Computer Schwierigkeiten macht. Und hier erzählt uns die
Bibel von einem Menschen, der selig schlummert, obwohl er weiß, dass er nur noch
wenige Stunden zu leben hat.
Denken wir an Bonhoeffer. An Silvester 1944 muss ihm klar sein, dass sein Leben
stark gefährdet ist. Als Mitglied des Widerstandes gegen das Nazi-Regime ist er
inhaftiert. Das Attentat gegen Hitler ist gescheitert. Wie geht es mit ihm
weiter? Wird er sterben oder doch noch frei kommen? In dieser Situation verfällt
Bonhoeffer nicht in tiefe Depressionen sondern dichtet ein Glaubenslied, das
heute, 64 Jahre nach seinem Entstehen, zu den Klassikern der evangelischen
Kirchenlieder gehört: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir
getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss
an jedem neuen Tag.“ Gott schenkte ihm die Gewissheit, dass sein Leben in der
Hand Gottes liegt. Gott lässt ihn nicht allein, was auch kommen mag.
Und ein weiteres Wunder vollzog am letzten Tag im Leben Bonhoeffers. Bevor die
Nazis ihn hinrichteten, sagte er: „Das ist das Ende, aber für mich ist es der
Anfang des Lebens.“ Zeugen erzählten, dass sie noch nie jemand so gottergeben
haben sterben sehen.
Gott schenkte diesem Mann die nötige Ruhe und Gelassenheit. Genauso dürfen auch
wir glauben, dass er uns ganz ruhig macht, wenn wir normalerweise durchdrehen
müssten. Wir dürfen uns in seiner Hand geborgen wissen.
Das zweite Wunder, das Petrus erleben darf: Gott führt ihn in die Freiheit.
Keine Wache, keine Türe darf ihn festhalten. Gott schickte seinen Engel, um
seinen Boten aus einer hoffnungslosen Lage herauszuholen. Petrus hatte hier ein
sehr eindrückliches Erlebnis mit einem Engel. Der Apostel hat ihn gesehen und
hat mit ihm geredet. Sie können auch im Verborgenen wirken, ohne dass sie in
Erscheinung treten, aber nicht minder eindrucksvoll wie in unserer Geschichte.
Ich habe noch keinen Engel gesehen, aber gespürt habe ich sie schon in meinem
Leben, manchmal recht deutlich, um mich vor Unfall und Lebensgefahr zu bewahren.
Ich glaube an Schutzengel.
In Hartmannshof, wo ich lange Jahre Pfarrer war, erzählt man sich heute noch
folgende Geschichte: Vor Jahren war der Sohn eines meiner Vorgänger, - natürlich
nicht von Pfarrer Hager, der hat ja bekanntlich nur Töchter, - mit dem Auto
Richtung Hersbruck unterwegs. In der Nähe der Nachbarortschaft Pommelsbrunn
gerät er ins Schleudern. Er fährt die Böschung hinunter. Das Auto überschlägt
sich und kommt auf den Eisenbahnschienen zum Stehen. In dem Moment kommt ein
Zug, schleift das Fahrzeug vor sich her. Übrig bleibt nur ein Blechknäuel.
Nahezu unbeschadet wird aus dem Auto der junge Mann geborgen. In der Zeitung
muss sinngemäß gestanden haben: „Da hat einer nicht nur einen sondern eine ganze
Kompanie Schutzengel gehabt.“
Wer nicht glaubt, mag solche oder ähnliche Geschichten als Zufall deuten. Ich
glaube, dass ich von Engeln umgeben bin. Glauben wir es doch auch alle und
bitten wir jeden Tag um den Engelschutz!
Eine andere eindrucksvolle Geschichte möchte ich Euch auch nicht vorenthalten.
Der bekannte Fernsehjournalist und Christ Peter Hahne hat einmal folgendes
Erlebnis erzählt: Ein Autofahrer will gerade losfahren, da stoppt ihn ein
Fußgänger, der an seine Scheibe klopft. Der Fahrer kurbelt sie herunter und der
Fußgänger sagt zu ihm nur: „Wissen Sie eigentlich, dass Gott seinen Engeln
befohlen hat, dass er Sie auf allen Ihren Wegen behütet?“ Kopfschüttelnd fährt
der Mann los und denkt: So ein Blödsinn. Engel, die mich behüten sollen! Ich
vertraue lieber auf mein fahrerisches Können.
Doch der Mann wird auf der gleichen Fahrt in einen schweren Verkehrsunfall
verwickelt. Nahezu unbeschadet, wie durch ein Wunder kann er aus den Wagen
steigen. Ein Polizist, der den Unfall aufnimmt, sagt: „Der da drinnen gesessen
hat, muss aber einen Schutzengel gehabt haben.“ Ein LKW - Fahrer nimmt den unter
Schock stehenden Mann mit seinem Fahrzeug mit. Er dreht das Radio an. Da hören
sie die Motette von Mendelssohn - Bartoldy: „Er hat seinen Engeln befohlen über
dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“
Phantastische Geschichten? Sicher, aber Geschichten, die immer wieder so oder
ähnlich geschehen. Und der ist kein Phantast sondern ein Realist, der mit
solchen Eingreifen Gottes rechnet. Warum tun wir es so oft nicht? Wohl auch
deshalb, weil wir uns dann ganz und gar auf das Eingreifen Gottes verlassen
müssen und nicht auf unsere eigene Stärke und Tatkraft. Wer mit Wunder rechnet,
erkennt ja damit auch an, dass er in seinem Leben nicht mehr die Hauptrolle
sondern eine Nebenrolle spielt.
So erging es ja auch dem Petrus in unserer Geschichte. Er begreift nicht so
recht, wie ihm geschieht. Erst ganz zum Schluss blickt er durch und erkennt:
„Gott hat seinen Engel geschickt, um mich zu retten.“ Petrus ist kein
strahlender Held, der Ketten zerreißt und Türen aufbricht. Sondern er trottet
verschlafen hinter dem Engel her. Dem Menschen wird eine ganz bescheidene Rolle
zugewiesen. Das muss ich erst einmal akzeptieren. Und dazu gehört eine gewisse
Selbstbescheidung.
Aber wer Wunder erleben will, braucht diese richtige Selbsteinschätzung, dass
sein Leben eben nicht in seiner Hand liegt. Wenn Gott nicht will und nicht auf
seiner Seite steht, dann kann alles schief gehen, was er sich vorgenommen hat.
Und etwas anderes ist wichtig, um Wunder zu erfahren. Es ist der Glaube, dass
wir keinen kleinen sondern einen großen Gott haben, der Ketten und Mauern
zerbrechen kann, der auch den letzten Engel aus seinem Himmel holen würde, um
gerade dir zu helfen.
Im Psalm 91 steht: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf
allen deinen Wegen.“ Vertraue diesen Worten und glaube ihnen! Gott wird so ein
Vertrauen nicht enttäuschen. Er wird nicht alle unsere Wünsche erfüllen – aber
alle seine Pläne. Und die sind immer am besten.
Amen