Liebe Gemeinde!
Fälschungen gibt es in allen möglichen Lebensbereichen. Es gibt gefälschte
Bilder, die oft ihrem Original täuschend ähnlich sind, aber trotzdem unecht
sind. Man kann unechten Schmuck tragen, der genauso schön blinkt wie echter,
aber nichts wert ist. Es gibt falsche Banknoten, auf die so mancher Verkäufer
hereinfällt und gefälschte Pässe, mit denen man Beamte täuschen kann und
trotzdem unecht sind.
Ebenso kann ein Mensch etwas vortäuschen, was er gar nicht ist. Man nennt sie
Betrüger. Da kann zum Beispiel einer der reichsten Frau Deutschlands Liebe
vortäuschen und hat es doch nur auf ihr Geld abgesehen. Und es gibt auch eine
falsche Frömmigkeit, die nicht echt ist. Sie täuscht eine Beziehung zu Gott vor,
die so gar nicht vorhanden ist. Diese Aussage klingt vielleicht schockierend,
aber sie ist wahr. Jesus hat mit deutlichen Worten vor so einer falschen
Frömmigkeit gewarnt. Seine größten Gegner waren nicht gottlose Menschen. Es
waren Fromme, falsche Fromme, die es schließlich fertig brachten, ihn kreuzigen
zu lassen.
Jesus erzählt hier in einem Gleichnis von so einem Menschen. Es war ein
Pharisäer. Wenn wir das Wort „Pharisäer“ hören, dann denken wir an fromme
Heuchler, an Leute, die fromme Sprüche auf den Lippen haben aber in deren Leben
wir wenig von Frömmigkeit sehen. So waren die Pharisäer zur Zeit Jesu nicht. Es
handelte sich um anständige, vorbildliche Leute, die sich in der Öffentlichkeit
sehen lassen konnten.
Der Pharisäer, von dem Jesus erzählt, hatte nicht übertrieben. Es stimmte, was
er im Gebet sagte. Ein frommer Jude musste nur einmal in der Woche fasten, aber
er fastete zweimal in der Woche. Zehn Prozent seines Einkommens spendete er.
Sein frommer Eifer und Einsatz war echt. Da gab es nichts auszusetzen. Er war
wohl auch ein vorbildlicher Chef, ein vorbildlicher Familienvater. Auf der
Straße zog man den Hut vor ihm. Und doch stimmte etwas nicht bei ihm. So wie
auch bei aller Christlichkeit und Frömmigkeit etwas ganz Entscheidendes nicht in
Ordnung sein kann.
Man kann sich auf seine frommen Leistungen etwas einbilden. Wir alle stehen in
dieser Gefahr. Wir gehen zum Gottesdienst, besuchen Jugendgruppen, Männer- und
Frauenkreise, weil wir mehr als andere nach dem Sinn des Lebens fragen, und
darauf sind wir stolz. Wir halten uns an Gottes Gebote, weil wir mehr als andere
nach seinem Willen fragen, und darauf sind wir stolz. Wir spenden für gute
Zwecke, wo andere bloß ans konsumieren denken, und darauf sind wir stolz. Wir
setzen uns für unsere Gemeinde und für Jesus ein, während andere ihre
Wochenenden genießen, und darauf sind wir stolz. Dabei handelt es sich um nichts
anderes als um frommen Hochmut. Bei dieser Haltung steht auch nicht Gott im
Mittelpunkt, sondern immer noch das eigene, nunmehr fromm gewordene Ich. Die
Sünde hat einen frommen Tarnmantel angezogen.
Mancher kennt sicher diese Geschichte: Ein Theologieprofessor wurde im
Krankenhaus von einer Krankenschwester gepflegt, die ihre Arbeit ausgezeichnet,
pünktlich und mit Aufopferung tat. Sie hatte seit zwanzig Jahren nur
Nachtschichten übernommen. Er fragte sie einmal, ob das nicht sehr anstrengend
sei und auf die Dauer zermürbe, und wie sie die Kraft dazu habe. Da meinte sie
strahlend: „Sehen Sie, jede durchwachte Nacht ergibt einen Edelstein in meiner
himmlischen Krone, und ich habe schon jetzt 7175 beieinander.“
Seine Dankbarkeit, so erzählt er, verflog mit einem Schlage, er konnte an ihre
Liebe nicht mehr glauben und das Gefühl der Geborgenheit verschwand. Wenn sie
ihren Dienst bei ihm verrichtete, dann meinte er, sie sähe durch ihn hindurch
wie durch Luft, und ihr Auge hing heimlich an ihrer himmlischen Krone, um sich
an ihrem Gefunkel zu erfreuen. Er kam sich bei ihrer Behandlung vor wie ein
Mittel zum Zweck.
Der Pharisäer in unserem Gleichnis hatte einen falschen Maßstab. Er verglich
sich mit dem Zöllner und maß sein Handeln nicht am Willen Gottes. Ganz klar,
dass er dabei glänzend abschnitt. Ein Betrüger, ein Lump, war er ja nicht. Aber
Gott sieht vieles anders, worauf wir insgeheim oder ganz offen stolz sind. Er
durchschaut uns, auch unsere innersten Motive. Er kennt unseren Ehrgeiz, unser
Bestreben zu glänzen, andere zu übertreffen, unsere mangelnde Liebe.
Der Zöllner dagegen hat den richtigen Maßstab. Er vergleicht sich nicht mit
anderen Menschen. Sondern er stellt sich dem Willen Gottes für sein Leben. Sein
Versagen ist offensichtlich und schreit zum Himmel. Er ist ein Betrüger,
Halsabschneider, Lump. Aber er weiß um seinen verlorenen Zustand. Er macht sich
und Gott nichts vor und bittet um Gnade. Bei ihm findet sich nichts Gespieltes
und Unechtes. Es gibt ja auch Schuldbekenntnisse als Trick. Das ist immer dann
der Fall, wenn die Leute aus ihrer Demut eine Leistung machen wollen. Sie bilden
sich auf ihre Sündenerkenntnisse etwas ein und halten sich auf diese Weise
besser wie die Menschen, die noch auf ihre Frömmigkeit und Christlichkeit
pochen.
Sie müssten dann in etwa so beten: „Ich danke dir, dass ich nicht so hochmütig
bin wie dieser Pharisäer da. Ich bin ein Betrüger, Lügner und Ehebrecher. So ist
nun einmal der Mensch und ich bin auch so, aber ich bin mir wenigstens darüber
im Klaren. Ich fresse und saufe wenigstens zweimal in der Woche. Und höchstens
ein Zehntel meines Besitzes ist auf ehrliche Weise in meinen Besitz gekommen.
Nicht wahr, lieber Gott, das gefällt dir doch, dass ich mir nichts vormache.“
Nein, so eine Einstellung gefällt Gott ganz und gar nicht. So spricht kein
Mensch, der über seine Sünde erschrocken ist und nun Gnade sucht. So spricht ein
Pharisäer, der sich als Zöllner tarnt. Selbstgefälligkeit in jeder Form gefällt
Gott nicht. Das Christsein fängt mit einem erschrockenen Gewissen an. Einer, der
sich selbst erkannt hat, spürt ja, dass er vor Gott nicht bestehen kann. Deshalb
bleibt ihm nur der Ruf nach Gnade und Erbarmen.
Und Gott hört diesen Ruf. Er spricht den frei, der sich selbst nichts vormacht,
sondern in seiner ganzen Erbärmlichkeit zu Gott kommt, so wie er ist. Die sich
selber als Sünder erkennen, die spricht er gerecht, die sich selber verdammen,
die spricht er frei. So lautet die wunderbare Botschaft des Evangeliums, die die
tröstet, die mit Schmerzen ihr Versagen erkannt haben.
Der preußische König Friedrich der Große ging oft unerkannt und verkleidet auf
Reisen, um alle möglichen Sachen selber in Augenschein zu nehmen. Eines Tages -
so berichtet eine Geschichte - sei er in ein Gefängnis gegangen. Er habe Mann
für Mann auf den Gefängnisgang antreten lassen und jeden einzelnen gefragt,
warum er denn da sitze. Und jeder habe ihm geantwortet: „Herr, das ist ein
Irrtum“ oder: „Die böse Welt ..“ oder: „Es ist völlig verkehrt, wie der Richter
das dargestellt hat; ich bin unschuldig!“ Und an der letzten Tür sei dann einer
gestanden, der habe gesagt: „Ich sitze zu Recht hier - ich sitze hier, weil ich
das um meiner Sünde willen verdient habe.“
Und da sei der König Friedrich hochgefahren und habe gebrüllt: „Scher er sich
raus aus dem Haufen dieser gerechten Leute! Wie kann ich zulassen, dass er diese
gerechten Leute hier verderbe! Möge er zusehen, wie er zurecht kommt. Raus hier!
Er möge mir kein Gefängnis mehr betreten!“
Uns alle lässt ein anderer König, Jesus Christus, antreten und fragt uns nach
unserem Leben. Die Selbstgerechten können in ihre Gefängniszellen von Schuld und
Sünde zurückgehen. Aber die Sünder, die ehrlich ihr Versagen zugeben, ruft er in
seine Nachfolge. Sie kommen heraus aus der Gesellschaft der Gerechten in eine
Gesellschaft von Sündern. Diese Gesellschaft nennt sich Kirche Jesu Christi.
Denn Jesus umgibt sich immer mit Sündern.
Eigentlich ist das doch eine sehr befreiende Botschaft: Wir dürfen vor Gott
unsere Rechnungen weglegen. Gott rechnet nicht. Er schenkt in Liebe. Er
präsentiert uns nicht die Minusrechnung unseres Lebens. Sondern er streicht
meine Schuldrechnung durch. Er hat sie selber bezahlt am Kreuz auf Golgatha.
Deshalb können wir alle Fassaden weglegen, die wir vor anderen und vor Gott
aufbauen. Etwa die Fassade des netten, braven, frommen Mädchens, aber im Herzen
steckt doch die Rebellion gegen Gott und seinen Willen, oder die Fassade des
coolen Jungen, den nichts erschüttert, aber eigentlich ist er zutiefst unsicher
und verletzlich oder die Fassade des souveränen und reifen Erwachsenen, den aber
seine Probleme erdrücken. Gott können wir sagen, wie wir und wer wir wirklich
sind, Sünder, die Gnade brauchen.
Freilich, es gehört Mut dazu. Der Mut, mich selbst zu sehen, wie ich bin. Das
ist das mutigste Wort, was ein Mensch sagen kann: „Ich Sünder.“ Da verstummen
die feigen Ausflüchte: „Im Großen und Ganzen bin ich schon in Ordnung“ - „Ich
bin schon recht. Mir kann niemand etwas vorwerfen.“ Der Glaubensmut, den Jesus
uns schenkt, sieht sich selbst ohne jede Beschönigung.
Freilich, es gehört Mut dazu. Der Mut, mein Rechnen aufzugeben. Wir sind so
gerne quitt mit den anderen. Mit Gott können wir nicht quitt werden. Da braucht
es den Mut, vom Empfangen zu leben; den Mut, zuzugreifen; den Mut, danke zu
sagen, nehmen und nichts dafür erstatten zu können.
Unsere natürliche Art ist die Selbsterhöhung, das Sich - Groß - Machen. Das
können wir alle von selbst. Das muss uns niemand beibringen. In der Begegnung
und Gemeinschaft mit Jesus lernen wir etwas anderes. Bei ihm und mit ihm
gewinnen wir den Mut, uns selbst loszulassen, uns nicht wichtig zu machen und
wichtig zu nehmen. In der Nachfolge Jesu Christi werden wir zu mutigen Leuten,
die ihr Leben verlieren lernen um Jesu willen und darin das Leben, ihn selbst,
gewinnen.
Nicht, dass Gott etwas gegen menschliche Leistung hätte. Ganz im Gegenteil, wo
er uns hingestellt hat, da sollen wir unser Bestes geben, ob als Schüler,
Arbeiter, Angestellter, Chef, Hausfrau und Mutter. Gott segnet nicht die
Faulheit, und erst recht nicht die Sünde. Aber wir müssen lernen, uns auf unsere
Vorzüge und Leistungen nichts einzubilden und uns nicht darauf verlassen, dass
wir uns damit den Himmel verdienen können.
Alle ehrlichen Frommen, die viel für Jesus getan hatten und die Gott sichtbar
gesegnet hat, hatten die Einstellung dieses Zöllners im Tempel. Der katholische
Bischof von Münster Graf Galen hatte im 3. Reich manches mutige Wort gegen die
Nazis gesagt, wo andere lieber ihren Mund gehalten hatten. Doch in seinem
Testament schreibt er das erschütternde Wort, dass manche wohl seinen
Bekennermut und seine Geradlinigkeit bewunderten, dass aber nur Gott um seine
ganze Erbärmlichkeit wisse.
„Wir sind Bettler – das ist wahr.“ So stand es auf einem Zettel, als Luther in
Eisleben seine Augen schloss. Daneben das Gebet aus Lukas 18 Vers 13: „Gott, sei
mir Sünder gnädig! Amen“ Dies sind zwei Bekenntnisse einer echten, ehrlichen
Frömmigkeit.
Wir müssen lernen, recht am Ende zu sein, so wie der Zöllner am Ende war, so wie
Luther, Graf Galen und viele, viel andere Christen am Ende waren. Dann kann Gott
mit uns etwas anfangen. Gott füllt immer nur leere Hände und leere Herzen. Wenn
wir aufhören, uns vor ihm zu produzieren, dann kann er endlich unser Vater
werden. Und wir - wir können dann neue und befreite Menschen sein.
Es ist ja nicht so, dass einer, der die Gnade Gottes erfahren hat, nun sagt:
„Wenn Gott mir meine Sünde vergibt, dann kann ich ja so weiter leben wie bisher.
Gott ist ja doch immer wieder gnädig!“ Wen Gott einmal aus dem Sumpf seiner
Sünde herausgezogen hat, der ist ihm auch ein Leben lang dankbar. Der möchte
nicht mehr sündigen, auch wenn er es aus Schwachheit immer wieder tut. Doch er
darf und soll ja eines tun: Gott um Vergebung bitten und um die Kraft, mit der
er der Sünde widerstehen kann, um den Heiligen Geist. Nur wer um Vergebung und
Veränderung immer wieder bittet, wird diese Gaben dann auch bekommen. Es gibt
kein gemütliches Christentum, bei dem man so bleiben kann, wie man ist,
gemütlich die Hände in den Schoß legt und sich denkt: Die Gnade Gottes wird’s
schon richten!
Nein, die Heiligen sind immer die Eiligen, wie jemand gesagt hat, nicht die
Langweiligen. Es ist immer neu die Sehnsucht nötig, doch ganz anders zu werden,
ganz frei zu werden von aller Sünde. Solches Sehnen wird Gott erfüllen. „Selig
sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt
werden.“ So hat Jesus es versprochen.
Amen