Liebe Gemeinde!
Es gibt einen nachdenkenswertes Satz des griechischen Philosophen Epikur. Er
lautet: „Wenn du
einen Menschen glücklich machen willst,
dann füge nichts seinem Reichtum hinzu, sondern nimm
ihm einige von seinen
Wünschen.“ Das ist eine Aussage, die zum Widerspruch reizt.
Ist es nicht
genau umgedreht? Wir denken: Je mehr von unseren Wünschen erfüllt
werden, desto glücklicher
werden wir. Und je mehr
nicht erfüllt werden, desto frustrierter sind wir.
Da wünschen wir uns zum Beispiel gute Noten und sind enttäuscht, wenn wir sie
nicht bekom-
men, obwohl wir gelernt haben. Oder wir
sehnen uns nach einem Partner und sind unglücklich,
weil wir immer noch oder
wieder einmal allein sind. Da bemüht sich jemand um eine
gute Ar-
beitsstelle, aber er erhält nur lauter Absagen. Klar, dass er sich nicht
darüber freut. Oder es
wünscht sich jemand ein harmonisches
Familienleben, aber zu hause gibt es nur Streit oder man
lebt aneinander vorbei.
Jeder kümmert sich nur um seine eigenen Dinge. Dann ist
er natürlich
auch unglücklich, weil sich seine Sehnsucht nach Liebe und
Zuneigung nicht erfüllt hat.
Aber wären wir wirklich glücklicher, wenn alle unsere Wünsche sich erfüllen
würden? Gibt es
nicht auch viele törichte Wünsche?
In vielen Kulturen kehrt ein Märchen wieder, in dem ein Mensch von einer guten
Fee drei Wün-
sche frei bekommt. Und allen Märchen ist
die Botschaft gleich, dass es gar nicht einfach ist,
Wünsche zu äußern, die
wirklich weiterhelfen oder wesentliche Veränderungen bewirken.
In
einem solchen Märchen zum Beispiel wünscht sich ein Mann besseres Wetter,
dass es gar nicht
mehr regnen soll. Doch bald darauf bemerkt er, wie töricht sein Wunsch war, da nun nichts mehr
wachsen und reifen
kann. Nun wünscht er, dass es nur noch Nachts regnen soll.
Aber da be-
schwert sich der Nachtwächter und alle, die auch nachts zur Arbeit
müssen. Schließlich wünscht
sich der Mann, dass wieder
alles bleibt wie bisher. Alle drei Wünsche sind vertan und haben
nichts bewirkt.
Was wünschen wir uns? Was brauchen wir wirklich? Was
sollte sich verändern?
Wir sind Menschen mit Fehlern und Schwächen. Und sie schlagen sich auch in
unseren Wün-
schen nieder. Wie viel Wünsche hat das
menschliche Herz, doch es ist noch lange nicht alles gut,
wenn alle diese
Wünsche in Erfüllung gehen.
Da wünscht sich jemand Gesundheit, nur zu verständlich. Aber, - wie wird der
Betreffende mit
einem gesunden Leib umgehen? Was wäre
denn, wenn er ihn nur dazu benutzen würde, um
weiterhin ein Leben zu führen, in
dem Gott und sein Wort keine Rolle spielt? Oder da
wünscht
sich ein Ehepaar ein Kind. Was aber, wenn es zu einem verwöhnten
Egoisten erzogen wird?
Oder ein Mann wünscht sich eine
gute Arbeitsstelle, möglichst in führender Position. Was aber,
wenn er seine
Arbeitskollegen und Untergebenen nur schikaniert und unterdrückt? Oder da
wünscht sich ein junger Mensch einen Partner. Was aber, wenn er
den anderen nur dazu braucht,
um selber glücklich zu
werden und nicht um ihn glücklich zu machen?
Mit der Erfüllung unserer Wünsche, so gut gemeint sie auch sind, ist noch lange
nicht das große
Glück da, und erst recht nicht das Paradies
auf Erden. Um wahrhaft und auf Dauer glücklich zu
werden, müssen wir andre
Menschen werden, die nicht mehr in erster Linie an ihr
eigenes Wohl-
ergehen denken, sondern bei denen Gott und sein Wort im Mittelpunkt
ihres Lebens steht, und
die in selbstloser Liebe mit
ihren Mitmenschen umgehen. Doch wer wünscht sich das?
Wir sollten Gott nicht anklagen, wenn er uns manche Wünsche nicht erfüllt,
sondern eher darauf
vertrauen, dass er schon weiß, warum er
manches nicht gibt oder wegnimmt. Er meint es nicht
böse mit uns. Er ist kein
Sadist, der seine Freude daran hat, uns zu quälen. Sondern
er meint es
gut mit uns. Denen, die Gott lieben, muss es sogar zum Besten
dienen, schreibt hier Paulus. Wer
Gott liebt, der darf glauben:
Auch das, was mir nicht passt, ist nicht schlecht. Es ist nicht einmal
das Zweitbeste, was uns passieren kann, sondern wirklich das Allerbeste.
Denen, die Gott lieben, schreibt Paulus. Von welchen Menschen spricht er hier?
Es hat einmal
jemand auf diese Frage geantwortet: Es
sind diejenigen, die Gott brauchen, man kann auch
sagen, die von ihm abhängig
sind. Sie beten um Schutz, um Hilfe, um Kraft und Segen
für ihren
tägliche Aufgaben. Sie danken für alles Gelungene in ihrem Leben, für
alle Freude, für alle er-
fahrene Liebe. Und vor allen Dingen
beten sie immer wieder um die Vergebung ihrer Sünden und
um die Erfahrung seiner
Liebe, die sie an andere weitergeben können. Die
Gott lieben, haben zu-
erst seine Liebe erfahren, die sie ihm in dankbarer
Gegenliebe zurückgeben können. Die Gott
lieben, sind keine perfekten Frommen sondern oft sehr unperfekte Sünder, die aber drauf ver-
trauen,
dass der Heiland Jesus Christus sie trotzdem lieb hat. Die
Bibel nennt sie Kinder Gottes,
manchmal auch unfolgsame Kinder, aber doch
geliebte Kinder.
Alle Dinge müssen ihnen zum Besten dienen, auch Dinge, die einen normalerweise
von Gott
wegbringen wollen. Auch an Kinder Gottes
kann Vieles herankommen, was ihnen schaden will
und soll, an Schmerzen,
Krankheit, Schwierigkeiten, an böswilligen Menschen. Sie
leben wie alle
anderen Menschen noch nicht im Paradies, noch nicht im Reich
Gottes, sondern in einer Welt, in
der das Böse und der
Böse, der Teufel, viel Macht hat. Und der kann auch den Christen stark
zusetzen.
Aber wahren Schaden kann er ihnen nicht zufügen.
Gott lässt manches in ihrem Leben zu, aber es muss vorher erst an Jesus vorbei,
ja durch ihn hin-
durch. Was sie trifft, das trifft zuerst ihn.Was ihnen weh tut, das tut zuerst ihm weh. Was sie be-
drückt, das belastet zuerst
ihn. Was sie auch erdulden, das legt sich zuerst auf ihn.
Was ihnen
auch an Leiden begegnet, Jesus wird in seiner Liebe zuerst darunter
leiden. Er wird nie zulassen,
dass dieses Leid uns zu
schwer wird, dass es uns kaputt macht. Denn er trägt es mit.
Das Leid, das sie von Gott wegführen sollte, bewirkt nun auf wunderbare Weise,
durch das
herrliche Eingreifen Gottes genau das Gegenteil: Es bringt sie nur noch näher zu ihm.
Eine Familie machte einen Sonntagsspaziergang. Drei muntere Kinder liefen ihren
Eltern auf
einem Schotterweg voraus. Das älteste der
Kinder sprang vorneweg und schaute sich immer
wieder um nach den beiden
Geschwistern. Die Kinder liefen auf einen unbeschrankten
Bahn-
übergang zu. In ihrer Freude am Spiel hatten sie alles um sich vergessen,
hatten nur noch Augen
und Ohren für ihr Fangen. So hörten sie nicht den herannahenden Zug. Direkt vor dem Bahn-
übergang stolperte das
Mädchen und schlug der Länge nach hin. Im selben
Moment brauste der
Zug vorüber. Das Mädchen weinte über das schmutzige Kleid und
die blutigen Knie. Der ganze
Sonntag, alle Freude und Lust am Spiel schien ihr verdorben, sie fühlte nur den brennenden
Schmerz
und wollte sich kaum trösten lassen. Die Eltern aber
sahen hinter dem kleinen Unglück
die große Bewahrung vor der viel größeren
Gefahr.
Wie oft hat Leid das Leben eigentlich geschont und bewahrt. Wie viele Menschen
sind ange-
sichts des Todes zum Leben gekommen, in
schwerer Krankheit eigentlich heil geworden, in
Erschütterungen aufgewacht,
durch Verluste zum tieferen Reichtum gelangt und haben an
den
Grenzen zur Mitte des Lebens gefunden.
Und wie steht es mit unseren eigenen Fehlern und Schwächen? Können die einem
Kind Gottes
schaden? Letzten Endes muss einem sogar die eigene Sünde und Schuld zum Besten dienen.
Dietrich Bonhoeffer schriebe einmal: „Ich glaube, dass auch unsere Fehler und
Irrtümer nicht
vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen
fertig zu werden, als mit unseren
vermeintlichen Guttaten.“
Unsere Sünden und Fehler, die wir begehen, sollen uns zur Demütigung dienen. Und
damit tun
sie einen hervorragenden Dienst. Einen
stolzen Heiligen kann Gott nicht in sein Himmelreich
bringen, sondern nur einen
armen Sünder, der weiß, dass er Vergebung und Gnade
nötig hat.
Denken wir an den Apostel Petrus. Jesus hätte ihn nicht gebrauchen können, wenn
er nicht von
seiner Überheblichkeit und Selbstüberschätzung heruntergeholt worden wäre. In der Nacht zum
Karfreitag verleugnete er
Jesus dreimal. So schmerzlich dieses Versagen für
ihn war, so heilsam
war es auch für ihn. Er lernte durch dieses Geschehen im Hof
des Hohenpriesters Kaiphas
enorm viel. Er lernte sich
selbst besser kennen und vertraute nicht mehr auf seine Kraft sondern
auf Jesus.
Und er lernte auch Jesu Liebe besser kennen, die den
Versager nun nicht fallen ließ
wie eine heiße Kartoffel, sondern die ihm vergab
und einen Neuanfang schenkte. Welcher Segen
kam letztlich durch das Versagen von Petrus in sein Leben! Was natürlich nicht heißt,
dass wir
möglichst viele Fehler machen sollen, damit Gott
uns segnen kann. Nein, das sicher nicht. Aber
wir brauchen keine Angst zu haben,
dass Gott uns nicht mehr gebrauchen könne, wenn
wir Sün-
den begehen. Wir dürfen vertrauen, dass Gott sogar aus unseren eigenen
bösen Taten Gutes
hervorbringen kann. Deshalb konnte
der Kirchenvater Augustin von der „felix culpa“, der
„glücklichen Schuld“ sprechen. Auch unsere Schuld benutzt Gott dazu, um uns
letztlich wahres
Glück zu bringen.
Das tiefste Glück eines Christen besteht darin, wenn er einmal frei ist von den
Fesseln der Sünde,
und wenn sein Leben nichts anderes
widerspiegelt als das Wesen Jesu. Dazu sind wir ja auf
dieser Welt, damit dieser
Prozess bei uns in Gang kommt und sich vollzieht. Jeder wahre Christ
kennt das Leiden unter seiner Schuld und die Sehnsucht davon
frei zu werden.
Die Sünde ist das wahre Unglück des Menschen, und erst, wenn er sie los ist,
kann er tiefes,
unvergängliches Glück erfahren. Erst wenn
ich so wie Jesus eingestellt bin, ist das Ziel meines
Lebens erreicht. Kein
zorniges Wort, kein gieriger Blick und Gedanke, kein Nachtragen, kein
sich über andere Erheben und schlecht Reden, keine Sorge und kein
Zweifel passen zu dem Bild
Jesu, so wie die Evangelien es uns
zeigen. Wer muss da nicht sagen: Da muss sich bei mir noch
viel ändern, damit
ich dem Bild Jesu entspreche?
Diese Veränderung will Gott in uns bewirken. Und manchmal benutzt er dazu auch
Dinge, die
uns nicht gefallen, Schmerzen, Krankheit, Einsamkeit, unliebsame Menschen, das Fallen in Sünde
und Schuld. All das
soll bewirken, dass wir umso mehr Jesus vertrauen, ihm immer näher kom-
men und seine Liebe kennenlernen. Denn nur so werden wir anders:
Wenn wir zwar auf der
einen Seite uns selber erkennen,
wie wir sind, Menschen, deren Leben sich letztlich um sich
selber dreht, aber
auf der anderen Seite die unbegreifliche Liebe Jesu verstehen und in unser
Leben aufnehmen.
Vielleicht erscheint uns die Veränderung unmöglich. Das mag menschlich gesehen,
richtig sein.
Aber bei Gott ist nichts unmöglich. Niemand
muss denken: Ich bin ein hoffnungsloser Fall! Ich
werde nie ein anderer Mensch.
Diese oder jene Sünde werde ich bis an mein Lebensende
im-
mer wieder tun!“
Nein, vielmehr dürfen wir an das Wort des Apostels Paulus denken und es glauben:
„Der in euch
angefangen hat das gute Werk, der wird’s
auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“ Wer
einen guten Beginn im Glauben
getan hat, der darf und soll auch glauben, dass er ans Ziel
kommt.
Gott lässt sein Werk nicht unvollendet. Er hat die Welt aus dem Nichts
geschaffen. Deshalb kann
er doch dein und mein Leben
verändern, bis es so ist, dass es ihm gefällt.
Amen