Liebe Gemeinde!
Jeremia bewundert den Instinkt der Zugvögel, der sie weg in ferne
Länder und auch wieder zurückbringt. Denken wir nur an das Verhalten des
Goldregenpfeifers. Er ist in Alaska geboren und er überwintert auf den
Hawaii-Inseln. Für dieses kleine Tier, das nicht schwerer als 200 Gramm wiegt,
heißt das, dass er im Herbst eine Strecke von 4500 Kilometern zurücklegt, über
das freie Meer, achtundachtzig Stunden in der Luft, ohne Möglichkeit sich
auszuruhen. Und die Vögel finden instinktsicher ihr Winterquartier. Sie verirren
sich nie, und das ohne Kompass, Autopiloten und Navigationssystem. Ist so ein
Vogel nicht ein Wunderwerk der Schöpfung?
So instinktsicher müsste doch auch der Mensch handeln können. Gott hat uns das
Gewissen gegeben, damit wir zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Es ist
oftmals offensichtlich, was richtig und falsch ist. Zumindest für einen nicht
beteiligten Betrachter liegt es auf der Hand. Und auch der in einer Situation
drinsteckt, in der er sich zwischen Gut und Böse entscheiden muss, weiß
insgeheim oft ganz genau, was richtig und was falsch ist. Und trotzdem tut er es
nicht. Merkwürdiges Verhalten!
Viele Autofahrer benutzen inzwischen ein Navigationssystem. Eine phantastische
Einrichtung! Ich gebe das Ziel ein, und eine nette Stimme lotst mich dorthin, wo
ich will. Jetzt stellen wir uns einmal folgende Situation vor: Ich gebe ein Ziel
in der Nähe ein und fahre dann bewusst in die falsche Richtung. Die Stimme
fordert mich dann höflich auf, bei der nächsten Gelegenheit zu wenden. Ignoriere
ich das, dann meldet sich die Stimme wieder von neuem, solange bis man entweder
gewendet hat oder bis man um die Erdkugel herum ist und von der anderen Seite
das Ziel erreicht. Wäre das nicht absolut blödsinnig, so mit einer
Navigationshilfe umzugehen? Sicher! Aber wir Menschen verhalten uns oft so.
Gott hat uns ein wunderbares Navigationssystem gegeben, sein Wort, nach dem wir
unser Gewissen ausrichten können. Wir kennen alle die 10 Gebote, die für unser
Leben eine untrügliche Orientierungshilfe sind. Und es gibt auch viele andere
Mahnungen Gottes in der Bibel für unser Leben und auch Mut machende Worte, die
uns in unserem Leben entscheidend helfen könnten, wenn wir sie nur beherzigten.
Sicher, niemand führt ein fehlerloses, perfektes Leben. Das wissen wir alle und
das weiß auch Gott. Doch wäre es dann nicht normal, dass ich umkehre und mein
Leben wieder in die richtige Richtung bringe? Dass ich gewissermaßen auf die
Stimme meines „Navigationssystems“ höre: „Bitte wenden Sie!“? Normal wäre es, so
sagt hier Jeremia, wenn ein Mensch wieder aufsteht, wenn er hingefallen ist.
Keiner bleibt doch freiwillig liegen, wenn er einmal gestolpert ist und dann auf
der Nase liegt, vor allen Dingen, wenn es eine dreckige Pfütze ist, in der er
gelandet ist.
Doch wie ist es, wenn ein Mensch im übertragenen Sinne fällt? Vor 2500 Jahren
lebte das Volk Israel im Ungehorsam gegen Gottes Gebote. Jeremia machte seine
Landsleute darauf aufmerksam. Aber sie lachten ihn nur aus. Sie blieben lieber
im Dreck liegen, als wieder aufzustehen. Gott erwartete, dass die Israeliten
aufstanden, wieder umkehrten. Aber genau das geschah nicht. Das war doch nicht
normal!
Doch das ist ein Vorgang, der sich seitdem unzählige Male wiederholt hat, bis
auf den heutigen Tag. Es ist nicht normal, wenn Menschen die Gebote Gottes mit
Füßen treten, zum Beispiel das 4 Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren“. Es
ist nicht normal, wenn sie jede Autorität für ihr Leben ablehnen, nicht nur die
von den Eltern, sondern auch von Lehrern, Vorgesetzten, keinen Respekt vor
älteren Menschen habe und nur noch das tun, was mir gefällt. Es ist auch nicht
normal, wenn ich das 5. Gebot „Du sollst nicht töten“ missachte, mit Fäusten
oder mit bösen Worten mein Recht oder vermeintliches Recht suche, in der Schule
andere „mobbe“ und im Beruf „über Leichen gehe“. Das Gleiche gilt für das 6.
Gebot „Du sollst nicht ehebrechen.“ Es ist nicht normal, wenn jegliches
Schamgefühl außer Kraft gesetzt wird, wenn dreckige Bilder, Filme und Sprüche in
der Öffentlichkeit gang und gäbe sind, wenn ich Sex neben oder vor der Ehe habe
oder einfach so, ohne verheiratet zu sein, zusammenlebe. So ein Verhalten wird
auch nicht normaler, wenn wie heute viele Menschen so leben und handeln. Die
Normen Gottes bleiben, auch wenn der Mensch meint, es besser als Gott zu wissen.
Es ist auch nicht normal, fromm zu sein und doch sein Leben nicht nach dem
Willen Gottes ausrichten zu wollen. Zur Zeit des Jeremia fanden prachtvolle
Gottesdienste zu Ehren Gottes, des Herrn, statt. Aber das Volk verehrte auch die
Götzen Baal und Aschera. Die Israeliten wollten fromm aber nicht Gott gehorsam
sein. Und Jeremia beklagt zurecht, dass es doch nicht normal sei, sich von dem
abzuwenden, dem man doch alles verdankt.
Heute gibt es so eine Einstellung genauso. An Gott glauben schon noch die
meisten in unserem Land, aber sie leben nicht mit ihm. Ein solches Verhalten
wird weitgehend als normal empfunden, aber es ist höchst unnormal, wie folgende
Geschichte verdeutlichen kann:
Es war eine wunderbare Hochzeitsfeier. Ein strahlendes Brautpaar, fröhliche
Gäste, ein wunderbares Essen, wertvolle Geschenke. Die Feier hätte nicht schöner
sein können. Aber nach dieser Feier wird die Braut plötzlich ernst und erklärt
ihrem Mann: „Ich danke dir für alles, für deine Liebe, und dass ich nun immer zu
dir gehören kann. Aber ich möchte doch lieber in meine alte Wohnung. Du gehst in
deine und ich in meine. Ich möchte schon deine Frau sein aber doch lieber für
mich leben! Ich komme schon mal zu dir, sogar einmal die Woche eine Stunde am
Sonntagvormittag. Wenn ich dich brauche, dann rufe ich dich an. Aber sonst
möchte ich allein klar kommen. Wenn ich krank bin oder Geld brauche, in
Schwierigkeiten stecke oder nicht mehr weiter weiß, melde ich mich sofort bei
dir. Ich bin ja so froh, dass ich einen lieben Mann habe! Aber meinen Alltag
möchte ich doch lieber gern allein bestimmen – ohne dich.“
Ich stelle mir vor, wie der junge Ehemann reagieren würde. Zuerst würde ihm
wahrscheinlich die Kinnlade herunterfallen. Und dann würde er vielleicht
stammeln: „So geht das doch nicht . Das ist doch keine Ehe!“ Und doch leben
viele Menschen, die sich Christen nennen, so. Sie haben einen wunderbaren Herrn,
Jesus Christus. Aber ihren Alltag möchten sie doch lieber ohne ihn gestalten.
Sie beten, wenn sie in Not sind, gehen sogar in die Kirche, aber sonst gehen sie
in ihren alten Gewohnheiten auf. Sie tragen den Namen ihres Herrn. Aber sie
führen ihr Leben letztlich im eigenen Namen. Darum lässt Jesus ihnen dieses
harte Wort aus der Offenbarung Johannis sagen: „Du hast den Namen, dass du
lebst, und bist tot. So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und
halte es fest und tue Buße.“ (Offenbarung 3,1.3)
„Tue Buße!“ steht hier, anders übersetzt: Kehre um, kehr um zu Gott! Ich
behaupte: Es gibt nichts Natürlicheres, nichts Wichtigeres und Schöneres, als zu
Gott umzukehren. Denn ich kehre ja zu dem um, der der Ursprung meines Lebens ist
und eine unbeirrbare Liebe zu mir hat.
Freilich, auf dem falschen Weg zu beharren, ist zunächst bequemer. Jeder weiß
das, wer einmal zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto umkehren musste, weil
er etwas vergessen hatte. Das ist ganz einfach ärgerlich. So ist es für einen,
der weiß, dass er zu Gott umkehren muss. Zu Gott umkehren heißt ja, seine
Einstellung und sein Leben ändern. Bequemer ist es natürlich, wenn alles so
bleibt, wie es ist. Aber das ist sehr kurzfristig gedacht. Natürlich kann es
einem ohne Gott ganz gut gehen, zumindest eine Zeitlang. Aber langfristig
gesehen führt ein Leben ohne Umkehr immer weiter weg von Gott. Ich entferne mich
immer mehr von ihm.
Einerseits stimmt es schon: Umkehren ist ärgerlich. Die Strecke, die man schon
geschafft hat, wieder zurückzugehen, macht niemand gern. Umkehren ist
schmerzlich. Eine falsche Entscheidung, einen verkehrten Weg, Fehler
einzugestehen, das fällt nicht leicht. Umkehren ist peinlich. Scheitern zugeben,
Unrecht haben, in einer Sackgasse festsitzen, sind nicht gerade die Situationen,
die wir suchen.
Aber andererseits gilt auch: Umkehren ist befreiend. Die Weichen des Lebens
können noch einmal neu gestellt werden. Die Züge müssen nicht zwangsläufig ins
Verderben fahren. Umkehren ist beglückend. Einen Weg, der nicht in den Abgrund
führt, gehen zu dürfen, die richtige Richtung zu wählen, ist ein großes Glück.
Umkehren ist lebensrettend. Wenn du dich in einem gefährlichen Wasser befindest
und dich mit letzter Kraft gerade noch ans Ufer rettest, dann ist das wie neu
geboren werden.
Es gibt kein Christsein ohne Umkehr. Keiner kann so bleiben, wie er ist: die
Gottlosen nicht und auch die Frommen nicht. Wir neigen immer wieder dazu, vom
rechten Weg abzukommen. Deshalb ist es lebenswichtig, immer wieder sein Leben
ganz ehrlich zu überprüfen, sich etwas sagen zu lassen und dann auch sein Leben
in Ordnung zu bringen.
Gott freut sich darüber, wenn einer dies tun will. Wenn einer seine Sünde
zugibt, dann wird Gott ihm auch helfen. Wer ernsthaft mit Gott neu anfangen
will, der wird von ihm nicht in Stich gelassen. Gott will ihm zunächst vergeben.
Diese Botschaft zieht sich durch die ganze Bibel und vor allen Dingen durch das
ganze Neue Testament. Gott stößt den, der zu ihm umkehren will, nicht von sich
weg sondern nimmt ihn an. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, wie groß die
Schuld ist, wie weit einer sich von Gott entfernt hat. Wer umkehrt, dem wird
vergeben. Gott hat sich dafür verbürgt. Die Bürgschaft leistete sein Sohn am
Kreuz. Dieses größte Opfer einer allergrößten Liebe hebt auch die größte Sünde
auf. Gott wird nie sagen: Das oder jenes kann ich jetzt nicht vergeben. Gott
wartet viel mehr auf unsere Umkehr, - so wie der Vater auf den verlorenen Sohn
gewartet hat. Dieser hatte sich ja bekanntlich sein Erbteil vor dem Tod des
Vaters auszahlen lassen und hat es verschleudert. Als er nun wiederkommt, mit
nichts in den Händen, nur mit dem Bekenntnis seiner Schuld, da wirft ihn sein
Vater nicht hinaus. Sondern er kommt ihm sogar entgegen. Und dann feiert er für
den Heimkehrer ein Fest, das Fest der Vergebung.
Wie mag sich der Sohn geschämt haben, als er den Rückweg wieder angetreten
hatte, wie mag ihm das letzte Stück Weg immer schwerer gefallen sein. Vielleicht
dachte er auch: Was bringt’s denn, wenn du zum Vater zurückkehrst? Der wirft
dich doch eh wieder raus! Schlag dich lieber allein durch die Welt, als dich so
vor dem alten Herrn zu demütigen! Alle diese Gedanken waren wie weggeblasen, als
sein Vater ihn in die Arme nahm und zu ihm sagte: „Mein lieber Sohn!“
Daheim ist es eben am schönsten. Das wird auch der bekennen, der zu Gott umkehrt
und damit auch nach Hause kommt. Die eigentliche Heimat ist das Leben mit Gott.
Wer zu ihm umkehrt, dessen Leben wird wieder normal. Dann steht sein Schöpfer
wieder im Mittelpunkt und nicht er selbst. Die Welt ist auf dem Kopf gestellt,
wenn mein Leben um mich selber kreist, um meine Bedürfnisse, um meine Wünsche.
Von dieser Ichbezogenheit kommt letztlich alles Elend dieser Welt. Aber wenn
Gott im Mittelpunkt steht, kann alles Durcheinandergekommene und Kaputte in
unserem Leben wieder heil und ganz werden. Zerstörte Beziehungen können wieder
geheilt werden, Süchte und Abhängigkeiten können ihre Macht verlieren.
Es ist schön, bei Gott zu sein, bei ihm zu Hause.
Amen
Wir beten mit den Worten Manfred Siebalds:
„Nimmst du mich noch einmal an? Herr, ich halte mich daran: ich darf kommen, und
du stößt mich nicht hinaus. Meine Flucht ist nun vorbei; ich gehör dir wieder
neu. Es ist gut, bei dir zu sein, bei dir zu Haus.
Amen