Liebe Gemeinde!
Eine Fülle von Gedanken, die wir eben gehört haben. Worum geht es Paulus hier
eigentlich? Paulus betet. Er betet für die Gemeinde von Ephesus.
Der Inhalt der Fürbitte ist ungewöhnlich. Paulus bittet nicht um äußeres
Wohlergehen, um Trost, um Bewahrung vor Krankheit und Leid. Im Mittelpunkt
seines Gebets steht etwas anderes: stark zu werden an dem inwendigen Menschen.
Es geht Paulus also nicht um Äußeres. Der äußere Mensch, so schreibt er an
anderer Stelle, verfällt. Nur der innere bleibt in Ewigkeit.
Wir Menschen lassen uns oft vom Äußeren beeindrucken. Eine schöne Frau findet
meist mehr Beachtung als eine, die nicht so attraktiv ist. Muskelbepackte Männer
wurden schon zu allen Zeiten bewundert. Wenn einer z. B. ein paar Zentner Eisen
stemmen kann, dann macht man aus ihm einen Supermann.
Aber ist ein makelloser Körper wirklich das Wichtigste? Es hat einmal jemand
folgende Worte gesagt: „Goldene Zügel machen ein Pferd nicht schneller. Silberne
Schüssel machen ein Essen nicht schmackhafter. Kostbarer Schmuck macht einen
Menschen nicht edler. Ein gepflegter Körper macht die Seele nicht gesünder. Ein
Traumhaus macht noch keine wirkliche Geborgenheit.“
Was wirklich wichtig ist, was einen Menschen zu einer Persönlichkeit macht, sind
seine inneren Qualitäten, wie Einsatzbereitschaft, Fleiß, aber auch
Freundlichkeit oder die Fähigkeit, mit anderen gut auszukommen. Der innere
Mensch, das ist auch der Mensch, der Gott zugewandt lebt, mit ihm lebt, mit ihm
redet, sich von ihm beeinflussen und prägen lässt.
Dieser innere Mensch soll stark werden und wachsen. Er kann allerdings auch
dahinsiechen und kränkeln, trotz aller guten Vorsätze und Bemühungen. Woran
liegt das nur? Warum scheitern denn eigentlich oft die guten Vorsätze?
Wir alle kennen das: Wann immer es darum geht, etwas zu verändern, wichtige
Entscheidungen zu treffen oder schlechte Gewohnheiten abzulegen, taucht ein
gemeiner kleiner Saboteur auf: unser innerer Schweinehund, auf lateinisch „canis
porci interior“. Der innere Schweinehund ist immer für das Gewohnte, das
Bequeme. Denn er ist faul und träge, nur auf seinen Vorteil und die Befriedigung
seiner Lust bedacht. Veränderungen zum Guten hin hasst er wie die Pest.
Auch Luther kannte ihn. Nur gab er ihm einen anderen Namen. Er nannte ihn „alter
Adam“ und meinte damit den selbstverliebten Menschen, der am liebsten so lebt,
dass ihm niemand hereinredet, auch kein Gott. Nüchtern erkannte Luther, dass
dieser „Alte Adam“ in jedem Menschen wohnt, auch in den gläubigsten.
„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur selten dazu.“ Dieser Satz von
Ödön von Horvath klingt falsch beruhigend. Er heißt ja, eigentlich, wenn ich
wollte, könnte ich anders sein, anders leben. Das ist ein Trugschluss. Das
Leitmotiv unseres Lebens müsste ehrlicherweise heißen. „Eigentlich bin ich
Sünder – und komme immer dazu.“ Denn in uns befindet sich oft quicklebendig der
„Alte Adam“, unser innerer Schweinehund.
Dieser ist sehr gefräßig. Er frisst unseren Glauben, unsere Liebe zu Gott und
unsere Freude an ihm. Sein Lieblingsfressen sind allerdings unsere guten
Vorsätze. Diese Delikatesse verschlingt er mit besonderer Wonne.
Gute Vorsätze kann man leicht mit echten Entscheidungen verwechseln. Doch jene
sind etwas ganz anderes als eine richtige Entscheidung. Einer, der gute Vorsätze
macht, spricht etwa so: „Eigentlich müsste ich mich ändern.“ So klingt kein
Willensentschluss sondern eine unverbindliche Absichtserklärung. „Eigentlich“,
dieses Wort drückt ein Zögern aus. Hinter diesem „Eigentlich“ stecken Bedenken,
wie: „Wahrscheinlich wird’s ja eh nichts mit meinem Vorhaben“. „Eigentlich
müsste ich mich ändern“ ist ein Satz des Unglaubens so wie der Satz, den ich
schon manchmal als Antwort auf einen seelsorgerlichen Ratschlag gehört habe:
„Ich will es versuchen.“ In diesem Satz ist auch schon in der Regel das
Scheitern einprogrammiert. Übersetzt heißt er: „Wahrscheinlich klappt mein
Versuch doch nicht.“
Der innere Schweinhund spricht solche Sätze wie: „Eigentlich müsste ich das
Rauchen aufgeben.“ „Eigentlich müsste ich mehr Sport treiben.“ „Eigentlich
müsste ich mehr lernen“ „Eigentlich müsste ich mich mehr im Beruf einsetzen.“
Oder umgedreht: „Eigentlich müsste ich mehr Zeit mit der Familie verbringen.“
„Eigentlich müsste ich mich mit meinen Eltern aussöhnen.“ „Eigentlich müsste ich
wieder regelmäßiger den Gottesdienst besuchen.“ Eigentlich. So spricht man. Und
es ändert sich gar nichts. Denn unser innerer Schweinehund beruhigt uns mit
solchen Sätzen wie: „Das hat doch Zeit. Es geht auch Morgen.“ Oder er spricht
resignierend: „Es lohnt sich doch nicht.“ Oder ängstlich: „Was ist, wenn es doch
nicht klappt?“
Es gibt Menschen, die mit eiserner Disziplin vieles in ihrem Leben erreichen und
verändern. Sie schaffen es, die überflüssigen 10 Kilo abzuspecken oder sich
Laster wie das Rauchen abzugewöhnen. Aber jede Selbstdisziplin hat ihre Grenzen.
Jede eigene Kraft ist beschränkt. Und dann gibt es auch noch schwache Menschen,
für die jeder Appell an den Willen eine Überforderung zu sein scheint. Und dann
kann man auch noch fragen: Wozu? Wozu soll ich mir die Mühe machen, ein anderer
Mensch zu werden?
Im Kampf mit dem inneren Schweinehund sind wir Gott sei Dank nicht auf unsere
eigenen Kräfte angewiesen. Paulus spricht hier ein wichtiges Thema an, von dem
er in seinen Briefen immer wieder redet. Es ist ein Geheimnis des Glaubens, das
Geheimnis eines ausgetauschten Lebens. Christus kann durch den Glauben in
unseren Herzen wohnen, schreibt er hier. Was wir nicht können, das kann Christus
in uns tun.
Es ist eine immer wieder erfahrbare Tatsache, dass Menschen durch den Glauben an
Jesus wie ausgewechselt sein können, manchmal von heute auf morgen, manchmal
durch einen jahre- oder jahrzehntelangen Prozess der langsamen Veränderung. Wo
sie vorher an eine Zigarette oder an Alkohol oder Drogen wie angekettet waren,
da waren sie danach frei. Wo sie vorher nur etwas daherknurren konnten, da
konnten sie auf einmal freundlich sein. Wo sie vorher planlos in den Tag
hineingelebt hatten, konnten sie nun Ziele für ihr Leben ins Auge fassen. Wo sie
vorher schnell beleidigt waren, konnten sie nun gelassen reagieren. Das sind
Wunder Jesu, gewiss, so groß oder noch größer wie die Verwandlung von Wasser in
Wein auf der Hochzeit zu Kana. Aber wirklich erfahrbare Wunder und auch
notwendige Wunder. Das das will Gott: unsere Veränderung, damit wir Menschen
werden, die einmal ein sein Reich der Liebe hineinpassen.
„Christus in uns“ auf diese Formel bringt Paulus dieses Wunder. Wenn Christus in
uns wohnt, dann werden wir anders, dann hat der innere Schweinehund ausgespielt.
Ein Beispiel kann uns diese Veränderung plastisch vor Augen führen.
Ein Handschuh ist nicht in der Lage, einen Gegenstand zu greifen, selbst wenn
er, wie ein Fingerhandschuh, die Form einer Hand hat. Er hat keine Kraft in
sich. Da nützen auch Appelle nichts. Sobald aber eine Hand in den Handschuh
fährt, ist er genauso stark wie sie. Alles, was die Hand tun kann, wird auch dem
Handschuh möglich sein, - aber nur solange er die Hand in sich trägt. So ist es,
wenn Christus in uns lebt.
Es gibt engagierte Christen, die ihren Glauben ernst nehmen. Sie bemühen sich,
recht zu leben und das zu tun, was Gott von ihnen will. Und doch können sie
unendlich müde, schwach und frustriert sein. Das Christsein ist ihnen eher eine
Qual als Freude. Dies liegt oft daran, weil sie doch mit ihrer eigenen Kraft
rechnen. Sie realisieren nicht, dass sie schon über eine ungeheure Kraft
verfügen, die sie nur noch in Anspruch nehmen müssen. Sie bitten um Kraft, aber
sie ist doch schon in ihnen. Sie brauchen sie nur noch zu ergreifen.
Der Chinamissionar Hudson Taylor hat diese Glaubenswahrheit für sich einmal
überwältigend erfahren. Er schrieb darüber:
„Alles hängt an unserer Verbindung zu Jesus. Wenn er in uns ist, haben wir
alles, seinen ganzen Reichtum. Wenn ich zur Bank gehe und von meinem Guthaben 50
Dollar fordere, kann der Beamte sie meine ausgestreckten Hand nicht verweigern
mit der Begründung, das Geld gehöre Mr. Taylor. Was Taylor gehört, darf meiner
Hand nehmen. Sie ist ein Glied meines Körpers. Ebenso bin ich ein Glied Christi
und darf aus seiner Fülle nehmen, was ich brauche. Ich weiß das schon lange aus
der Bibel, doch erst jetzt glaube ich es als lebendige Wirklichkeit.“
Mit der Kraft Jesu rechnen, dann kann das Christsein Lust und nicht Frust
bedeuten.
„Leben in Schlappstadt“, so heißt eine Geschichte, die ich einmal gelesen habe.
Die Einwohner dort haben alle ein modernes, leistungsstarkes Auto. Aber
merkwürdig: Keiner von ihnen sitzt hinter dem Steuer. Sie trauen sich nicht,
einfach einzusteigen, den Zündschlüssel umzudrehen, Gas zu geben und los zu
fahren. Lieber schieben sie ihr Auto durch die Gegend und sind dann natürlich
nach kurzer Zeit total erschöpft.
Auch wir können ein Leben aus eigner Kraft führen wollen, sogar ein Christsein
aus eigener Kraft, uns mit unseren Lasten abmühen, unsere Sorgen, unsere Schuld,
unsere Ängste mit uns herumschleppen und werden dadurch müde und erschöpft.
Dabei können wir es uns doch viel leichter machen und alle unsere Lasten
abladen.
Abladen heißt, vor Gott seine Ängste und Sorgen aussprechen, seine Schuld
bekennen, vor Gott im Gebet oder am besten vor einem Seelsorger, es heißt, den
Mut aufzubringen, und endlich den ganzen Sündenkram auszupacken, ohne Wenn und
Aber, ohne Beschönigung und zu bekennen: Ich schaff es nicht, aus eigener Kraft
mit dem inneren Schweinehund fertig zu werden.
Und dann darf ich an das Wunder der Vergebung glauben, an das Wunder, dass mein
Leben noch einmal beginnen darf. Wer Vergebung erfährt, der darf die Wahrheit
eines wunderbaren Satzes erfahren. Paulus hat ihn im 2. Korintherbrief
niedergeschrieben: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, siehe
Neues ist geworden.“
Dieses Neue kennzeichnet Paulus mit einem Stichwort, mit dem Stichwort „Liebe“.
Der innere Schweinehund arbeitet gegen die Liebe. Er ist bequem und denkt nur an
den kurzfristigen Vorteil. Aber der innere Mensch ist „eingewurzelt in der
Liebe“, wie Paulus sich hier ausdrückt. Sein Lebenselement ist die Liebe. Sie
ist sein Nährboden, in dem er erst richtig gedeihen kann.
Liebe will sich dem anderen mitteilen und beschenken. Liebe will nicht haben
sondern geben. Sie will nicht traurig sondern glücklich machen. Sie denkt zuerst
an den anderen und dann an sich. Ohne diese Liebe ist alles wertlos, taugt unser
Christsein nichts.
Wir können sie nicht selber aufbringen. Im Gegenteil, je mehr wir versuchen,
lieben zu wollen, desto mehr werden wir auch unsere Lieblosigkeit erkennen. Aber
die Liebe Gottes kann unser Lebenselement werden, in das wir „eingewurzelt“
sind. Von Gott her können wir die Kraft für unsere Liebe beziehen, einer
unermesslich großen Liebe. Wenn Christus in unser Lebenshaus einzieht, dann
werden wir anders. Dann wird seine Liebe uns verändern.
Die Größe dieser Liebe kann kein Mensch mit seinem Verstand begreifen. Aber man
kann eine Ahnung von ihr gewinnen, wenn man sie einmal und immer wieder erfahren
hat. Es ergeht einem dann wie jemanden, der in einen sternenbedeckten
Nachthimmel hinaufschaut. Er sieht die Sterne, hat einen gewissen Eindruck von
der Größe und Unermesslichkeit des Weltalls und weiß doch, dass man nur einen
winzigen Bruchteil des Universums erfassen kann.
Etwas von der Größe der Liebe Christi kann einem aufgehen, wenn wir auf das Wort
Luthers hören: "Und wenn einer an einem Tag 1000 Ehebrüche und 1000 Morde
begangen hätte, und er käme zu Christus, würde seine Schuld bereuen und
bekennen, so könnte sie ihm vergeben werden."
Die Liebe Christi ist immer größer, auch größer als die größte und schlimmste
Schuld. Sie ist nur wie ein Tropfen im Meer seines Erbarmens.
Begreifen können wir das nicht, aber für uns persönlich glauben. Und dann werden
wir auch immer wieder seine Liebe erfahren, die wir nun an den anderen
weitergeben dürfen.
Um die Erfahrung dieser göttlichen Lebensfülle, von der ich gesprochen habe,
dürfen wir bitten. Unser Gebet ist nicht in den Wind gesprochen. Sondern es ist
bei einem gütigen Vater im Himmel aufgehoben. Und der will nicht, dass es seinen
Kindern an etwas fehlt. Wir dürfen bitten und darauf warten, dass wir es
bekommen. Ja noch viel mehr: Er verspricht über Bitten und Verstehen auf unser
Rufen zu antworten.
Dieser Gott verdient, dass wir, wie Paulus es sagt, ihn ehren zu aller Zeit, von
Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen