Liebe Gemeinde!
Der Dichter Taddäus Troll schrieb einmal folgende Geschichte: Ein Mann namens
Tobias hatte eine überaus selbstlose Tat vollbracht. Deshalb durfte er einen
Wunsch äußern, der ganz gewiss in Erfüllung gehen sollte. Tobias besann sich
nicht lange und sagte: ,,Ich möchte, dass morgen für alle Menschen, die in
meiner Stadt wohnen und die eine Lüge sagen oder schreiben, die Schwerkraft
aufgehoben ist."
Am anderen Tag ereigneten sich in der Stadt merkwürdige Dinge. Es begann damit,
dass Tobias‘ Wirtin ihm den Morgentrunk ins Zimmer brachte und sagte: ,,Heute
habe ich ein paar Bohnen mehr in den Kaffee getan." Da flog sie wie ein
Luftballon gegen die Decke, wo sie schweben blieb, bis es nachts zwölf Uhr
schlug. Der dickbäuchige Herr Knotzke, der Tobias Geld schuldete und ihm auf der
Straße begegnete, beide Hände schüttelte und sagte: ,,Wie freue ich mich, Sie
wieder einmal zu sehen", freute sich nicht lange, denn kaum hatte er den Satz
ausgesprochen, so flog er in die Luft, und der Wind trug ihn von dannen.
Es ging in der Stadt turbulent zu. Bei den Zeitungen löste sich ein
Maschinensetzer nach dem anderen von seinem Arbeitsplatz und flog davon, den in
aller Frühe verschwundenen Redakteuren nach. Um die Mittagszeit stand fast
niemand mehr auf dem Boden der Tatsachen. Im Parlament flog ein Redner nach dem
anderen gegen die Kuppel, in der die Abgeordneten in dicken Trauben hingen.
Lehrer und Schüler hatten einen Tag wie noch nie. Ein Schüler kam zu spät und
entschuldigte sich damit, dass der Bus nicht gefahren sei. Da flog er wie ein
Luftballon zur Decke empor. Der Lehrer beteuerte, er habe noch nie eine so
schlechte Klasse gehabt wie diese. Da löste er sich plötzlich vom Boden und flog
an die Decke hinauf. Die Menschen entschwebten wie Vogelschwärme, oder sie
hingen, wenn sie das Glück hatten, sich in geschlossenen Räumen zu befinden, an
deren oberen Grenzflächen.
Einzig ein paar Nonnen, uralte Beamte und zwei alte Unternehmer waren noch der
Schwerkraft unterworfen, wäre der eine davon nicht so unvorsichtig gewesen, an
diesem Tag seine Steuererklärung abzugeben.
Am Abend war die Stadt wie ausgestorben. Der Tag hatte selbst in die Reihen der
Geistlichkeit schwere Lücken gerissen. Nur ein paar Kinder, die noch nicht
sprechen konnten, alle Tiere, die Insassen des Nervenkrankenhauses außer dem
Pflegepersonal, und die Betrunkenen blieben der Schwerkraft unterworfen, die
letzteren teilweise sogar recht heftig.
Tobias selbst hielt sich recht und schlecht bis kurz vor Mitternacht, als er zu
sich selbst sagte. er hätte diesen Wunsch nicht geäußert, um seine Mitmenschen
zu bestrafen, sondern um sie zu bessern. Da flog er sanft gegen den leise
klirrenden Kronleuchter.
Schlag zwölf Uhr kamen sie dann alle wieder herunter. Wer aber glaubt, dass
seither in der Stadt weniger gelogen wird, der irrt sich.
„Ein modernes Märchen“ steht unter dieser Geschichte von Taddäus Troll. Leider
ist sie mehr als ein Märchen. Diese lustige Geschichte enthält eine bittere
Wahrheit. Nämlich dass die Lüge in unserem Leben allgegenwärtig ist. In jedem
Leben!
Seriöse Forscher haben festgestellt, dass der durchschnittliche Mensch jeden Tag
mindestens 100 Mal bewusst oder unbewusst die Unwahrheit sagt. Natürlich gibt es
dabei große Unterschiede. Einige lügen, dass sich die Balken biegen. Andere
bevorzugen die „kleinen Lügen“ wie die Übertreibung. Wieder andere bauen ihre
ganze Existenz auf einer „Lebenslüge“ auf.
Männer sollen übrigens 20 Prozent mehr lügen als Frauen – ungelogen! Frauen
lügen bei Gewicht und Alter, Männer gerne bei PS-Angaben und Erfolgszahlen.
Lügen ist gang und gäbe. Schüler lügen ihre Lehrer an, wenn es um vergessene
Hausaufgaben geht, Firmen ihre Kunden, wenn es um Termine oder Produktmängel
geht. Die Presse verbreitet Klatsch und Tratsch über Promis, um Auflage zu
machen. Ein Journalist schreibt einen Artikel über erlaubte Lügen beim
Bewerbungsgespräch. Im persönlichen Gespräch wird gern „geflunkert“, übertrieben
oder die Wahrheit verdreht. Andere Leute werden schlecht gemacht, damit man
selber in einem besseren Licht dasteht, Erlebnisse maßlos übertrieben, manche
Steuererklärung grenzt an Betrug oder geht darüber hinaus. Die Hälfte der
Angaben bei Haftpflichtversicherungsschäden soll gelogen sein. Auch in
christlichen Kreisen ist die Lüge zu hause, und zwar in der Form von Heuchelei.
Fromm reden und fromm handeln sind bekanntlich zwei paar Stiefel. Auch unter
Christen gilt leider häufig: Nur keine Schwächen zugeben!
Wenn so oft gelogen wird, müsste man meinen, dass es in unserer Gesellschaft
nicht mehr so als schlimm empfunden wird, wenn die Unwahrheit gesagt wird. Doch
dem ist nicht so. Jemanden anzulügen gilt als ein schlimmes Vergehen. Lügnern
wird – zurecht – misstraut. Politiker, denen eine Lüge nachgewiesen wird, müssen
meist zurücktreten. Dasselbe gilt für Dopingsünder. Es ist in unserer Zeit immer
noch das Bewusstsein da: Lügen ist nicht harmlos sondern ein Vergehen, dass
geahndet werden muss.
Lüge ist keine Kleinigkeit, sondern jede Lüge belastet die Gemeinschaft,
zerstört Vertrauen. Ein Vater hat das seinem Sohn einmal ganz drastisch klar
gemacht. Der Teenager hatte ihn belogen, und der Vater war sehr traurig darüber.
Er sagte: "Geh mal mit mir in die Küche.“ In der Küche angekommen, nahm der
Vater eine Tasse aus dem Schrank und warf sie auf den Boden. Sie zerbrach in
viele Scherben. Der Junge erschrak. Da sagte der Vater: "Du kannst diese Tasse
nicht wieder ganz machen. Du kannst es versuchen. Aber sie wird nie wieder so
sein wie vorher. Genauso wie diese Tasse zersprungen ist, ist auch mein
Vertrauen zu dir zerbrochen. Ich werde dich jetzt eine Zeitlang besser
kontrollieren, bis ich merke, dass ich mich auf dich verlassen kann." Jede Lüge
ist ein Vertrauensbruch und zerstört das Vertrauen zwischen den Menschen, und
damit letztlich auch die Gemeinschaft untereinander.
Bewusste Lügen haben auch für den Lügner selber fatale Folgen. Lügen ist auf die
Dauer anstrengend. Ein Lügner steht immer in der Gefahr, überführt zu werden.
Wer viel lügt, braucht ein gutes Gedächtnis. Er muss sich gut merken, was er an
Unwahrheiten verbreitet hat, damit er sich nicht in seinen späteren Äußerungen
widerspricht und seine Lügen auffliegen. Deshalb haben Lügen tatsächlich „kurze
Beine“.
Die Wahrheit zu sagen, ist dagegen befreiend, für einen selbst und auch für
andere. Wer als grundehrlicher Mensch bekannt ist, wird zwar oft belächelt aber
doch auch respektiert. Man vertraut sich ihnen gerne an. Sie stehen für
Geradlinigkeit und Verlässlichkeit. Wäre es nicht schön und lohnenswert – für
jeden – so ein Mensch zu sein?
(Ende 1. Teil)
Und doch tun wir Menschen uns oft unendlich schwer, ehrlich zu sein, auch
Menschen des Glaubens. Die Bibel erzählt von Abraham, der seine Frau zweimal als
Schwester ausgab. Jakob betrog seinen Vater und seinen Bruder. Petrus
verleugnete Jesus. Bei all diesen Lügen spielte die Angst die entscheidende
Rolle, die Angst im Leben zu kurz zu kommen, die Angst sein Gesicht zu
verlieren, die Angst, Schaden zu erleiden. Zur Wahrheit gehört Mut. Und zu
diesem Mut verhilft entscheidend das Vertrauen Gott gegenüber. Und zwar einem
Gott gegenüber, der es gut mit einem meint, der mich lieb hat, auch dich und
mich lieb hat. So können wir/kannst du es immer wieder in der Bibel lesen.
Dieser Gott hat uns/dir das Leben geschenkt, hat uns/dir Gebote gegeben, die
uns/dir das Leben erleichtern sollen und Richtlinien für ein gelingendes Leben
sind.
Dieser Gott hat zu uns/dir eine zuverlässige, unbeirrbare, treue und starke
Liebe. Sie ist so stark, dass sie in Jesus Mensch wurde. Auf diese Liebe können
wir uns verlassen. Sie ging sogar für uns in den Tod. So sehr hat Jesus uns
geliebt.
Von Jesus wird keine Lüge berichtet. Vielmehr sagt er von sich selbst: „Ich sage
die Wahrheit.“ Sein ganzes Wesen ist Wahrheit, ja er ist die Wahrheit, wie er
einmal von sich sagt. Wer sich auf ihn und seine Wahrheit einlässt, der wird
nicht bloß gestellt werden, der wird nicht zu kurz kommen sondern der wird frei
werden.
Jesus sagte einmal zu seinen Jüngern: "Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die
Wahrheit wird euch frei machen." Gott zeigt uns die Wahrheit unseres Lebens
nicht, um uns fertig zu machen, sondern um uns zu helfen. Wie bei einem Arzt
kommt die Diagnose vor der Therapie. Das tut sicher weh. Niemand gefällt es,
wenn er merkt, wo es in seinem Leben nicht stimmt, wo er bisher sich, anderen
Menschen und auch Gott etwas vorgemacht hat. Aber sie tut nicht nur weh sondern
auch wohl. Die Wahrheit Jesu ist immer beides: sie deckt schonungslos auf und
bringt ans Licht, aber sie deckt auch liebevoll zu, tut unendlich wohl. Wer
seine Fehler, Sünden, Süchte ehrlich zugibt, dem kann ja auch geholfen werden.
Dem kann Gott vergeben, das heißt alles Belastende wegnehmen, ihn verändern, ihn
zu einem Menschen von Format machen, von dem selber seine Wahrheit ausgeht.
Gott brauchen wir nichts vorzumachen. Er kennt uns durch und durch, besser als
wir selbst. Ihm dürfen wir das Kaputte, das Böse unseres Lebens im Gebet bringen
und bei ihm durch die Bitte um Vergebung abladen. Wir dürfen mit allen Fehlern
und Unzulänglichkeiten unseres Lebens zu Jesus kommen und ihn bitten: "Vergib es
mir und mach mein Leben anders." Und er wird es tun!
In einer christlichen Zeitschrift berichtet ein Mann aus seinem Leben. Er hatte
eine schwere Jugend, die geprägt war von Gewalt und Ablehnung. Er wurde
Drogenabhängiger, Krimineller. Aber er fühlte sich immer als Opfer, das sich für
das erlittene Unrecht rächen wollte. Doch dann wurde er mit Jesus konfrontiert -
im Innersten, wo seine Verletzungen waren, wo der wunde Punkt in seinem Leben
war. Gott legte den Finger auf seine Schuld, damit er erkennen konnte: Hier
liege ich falsch, ich brauche Vergebung, ich brauche Veränderung! "Da stand ich
nun auf einmal", so berichtet er, "ohne mich herausreden zu können. Die Lüge,
dass ich nur Opfer war, wurde aufgedeckt. Ich war schuld. Ich hatte gelogen,
gestohlen, ich lebte in Schuld und Sünde ...Auch die Lügen meines Lebens wurden
aufgedeckt, selbst die Lüge, dass keiner mich liebte! Jesus liebte mich! Und er
liebt mich. Er hat sich für mich gegeben." Dieser Mann nahm die Vergebung und
die Liebe Gottes an, nachdem er sich selbst ehrlich gegenüber geworden war.
Heute ist er Leiter einer Drogentherapiestätte.
Das ist also die wunderbare Wahrheit der Bibel und keine fromme Erfindung oder
Lüge: Jesus ist wirklich der, der alles wieder heil und gut machen kann, der die
Macht hat, ein kaputtes Leben wieder ganz zu machen.
Der berühmteste Lügner der Weltliteratur ist Pinocchio. Der kleine Junge aus
Holz durchlebt viele Abenteuer und ist hin- und hergerissen zwischen Gut und
Böse. Immer, wenn er lügt, was nicht gerade selten vorkommt, wächst seine Nase.
Sie wird immer länger und länger. Das wird ihm schließlich so peinlich, dass er
das Lügen einstellt.
Eigentlich schade, dass es solche Nasen nur im Märchen gibt. Aber Gott hat uns
ein anderes Mittel gegeben, dass wir uns das Lügen abgewöhnen. Wer mit Jesus,
seinen Worten und vor allen Dingen mit seiner Vergebung lebt, der bekommt ein
waches und sensibles Gewissen. Er merkt – im Gegensatz zu einem Menschen mit
einem stumpfen Gewissen – oft sofort, wo er es mit der Wahrheit nicht so genau
genommen hat, wo er sich selber etwas vorgemacht oder andere Menschen
niedergemacht hat, wo er gelogen und betrogen hat.
Menschen mit so einem wachen Gewissen wollen es mit der Wahrheit genau nehmen,
und wo sie es nicht getan haben, bitten sie Gott um Vergebung, um einen
Neuanfang und Veränderung ihres Wesens. Das ist sicher ein langer Weg. Alle
Menschen sind Lügner, heißt es knallhart bei Paulus im Römerbrief. Das Wesen des
Menschen ist die Lüge. Aber das Wesen Jesu ist die Wahrheit. Wer mit ihm im
Glauben verbunden ist und ein Leben lang verbunden bleibt, dem wird diese
Wahrheit auch wesenhaft. Es kann gar nicht anders sein.
Solche wahrheftigen Menschen braucht es in der heutigen Zeit mehr denn je,
Menschen, die Integrität verkörpern, denen man vertrauen kann. Das sind Menschen
mit Rückgrat, mutige Leute, die gegen den Strom schwimmen. Wer so ist und immer
für die Wahrheit einsteht, der wird nicht immer Applaus ernten, aber er wird
auffallen. Er wird ein Licht in der Welt sein, wie Jesus einmal in der
Bergpredigt sagt. Das Leben eines solchen Menschen lohnt sich – immer.
Amen